"Delphi" von Malin Schwerdtfeger

Tobias Heyl
FALTER 41/2004

Delphi
Roman
Malin Schwerdtfeger
Kiepenheuer & Witsch - 2004
19,50

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Die Protagonisten aus Malin Schwerdtfegers "Delphi" sind im Heute ebenso zu Hause wie im archaischen Gestern.

Als Malin Schwerdtfeger 2001 mit ihrem Erzählungsband "Leichte Mädchen" debütierte, gehörte sie zu jenen Autorinnen, die das "Fräuleinwunder" in der deutschen Literatur vollbracht hatten - aber schon damals konnte man an ihren Texten erkennen, dass sie nicht auf irgendeinen Trend angewiesen war, um als Autorin zu überzeugen. Es folgte der Roman "Café Saratoga", mit dem Schwerdtfeger ihr enormes Talent in der Erfindung von Figuren, in der Beschreibung von Schauplätzen, im Timing von Dialogen demonstrierte. Wer andere Romane dieser Generation kennt, weiß solche Fähigkeiten zu schätzen.

Nun also der zweite Roman, "Delphi". Streng genommen eine Familiensaga, aber was heißt schon Familie: der Vater Archäologe, die Mutter vom Chassidismus ergriffen; die Kinder Linda und Robbie, zehn Jahre später noch einmal zwei: die Ich-Erzählerin und Pepita. Geboren wurden diese Kinder im niedersächsischen Nordenham, in Athen und in Jerusalem, wie das eben so kommt, wenn der Vater von Ausgrabung zu Ausgrabung zieht. Und auch wenn er als scheuer Wissenschaftler geschildert wird, so verkörpert dieser Vater doch das Gesetz dieser Familie: ihre synchrone Existenz im Heute und in einer archaischen Vergangenheit.

Ziemlich schnell nämlich beschleicht einem bei der Lektüre der Verdacht, dass diese Familie nicht ganz richtig tickt. Da hilft die älteste Tochter ihrer Mutter, die jüngste Tochter zur Welt zu bringen, da sind die beiden älteren Geschwister überhaupt verdammt frühreif, schwänzen die Schule, um an der Jerusalemer Universität zu studieren, die Rechtsgeschichte des Spätmittelalters etwa. Wir haben es hier wohl nicht mit Menschen zu tun, sondern mit Gestalten, die der antiken Mythenwelt entstammen könnten und sich trotzdem ganz selbstverständlich im Jahre 1991 zwischen Jerusalem und Nordenham bewegen. Und so irritiert es auch nicht weiter, dass die Ich-Erzählerin zu Beginn schon tot ist und sich an vieles erinnern kann, was vor ihrer Geburt passierte.

Es passiert überhaupt wahnsinnig viel in diesem Buch - Rätselhaftes, Komisches, Banales, Bedeutungsvolles, am Ende auch eine tragische Liebesgeschichte. Die Räume des Romans repräsentieren das Abendland schlechthin: Jerusalem, Athen, auch Delphi und eben Nordenham (das von der christlichen Mission erst spät erreicht wurde). Und all diese Geschichten mischen sich, als würde man seinen Kopf nicht in ein Buch stecken, sondern über die dampfende Schale eines Orakels halten. Schwerdtfegers Erzählfantasie kennt keine Grenzen, und doch erschöpft sie sich nicht in schierer Freude am Fabulieren.

Alle Figuren suchen einen roten Faden, an dem sie ihr Leben ausrichten können, und sie suchen ihn in ganz verschiedenen Ecken. Gemeinsam ist ihnen eigentlich nur, dass sie die Vergangenheit als Orientierungshilfe benutzen. Aber was hat es mit der Erinnerung eigentlich auf sich? "Erinnerungen (...) sind unzuverlässig, weil die Menschen unzuverlässig sind, und die Menschen sind unzuverlässig, weil ihre Körper unzuverlässig sind." Der privaten Erinnerung geht es da nicht anders als der kollektiv geteilten Erinnerung, die wir Geschichte nennen.

Schwerdtfegers Roman, in dem sicher nicht zufällig intensive Gerüche und Aromen eine wichtige Rolle spielen, handelt von diesem Torkeln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, handelt davon, wie unterschiedliche Räume ineinander aufgehen. Und trotzdem ist sein Ton leicht, beschwingt, klingt manchmal sogar nach pubertär-abgeklärter Besserwisserei. Doch was weiß man schon, wenn alles Bewegung ist?


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