"Trojanische Saaten" von Jeffrey M. Smith, Gisela Kretzschmar

Irene Kalchhauser
FALTER 41/2004

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Jeffrey M. Smith prangert den unverantwortlichen Umgang US-amerikanischer Großkonzerne mit genmanipulierten Nahrungsmitteln an.

Einschüchterung und Mobbing von Wissenschaftlern. Drohbriefe gegen Verlage, die kritische Artikel drucken. Monsterprozesse gegen Zeitungen und Fernsehsender. Kontrolle der freien Presse. Und all das gerade in den USA. Erin Brockovich, Teil II? Man könnte einen Umweltthriller daraus machen - wenn sich denn jemand traute, ihn auszustrahlen ... Das ist jedenfalls die Ansicht des Autors von "Trojanische Saaten".

Jeffrey M. Smith malt in seinem Buch ein wahrlich düsteres Bild der Biotechnologieszene in den USA. Anhand von Wissenschaftlerschicksalen gibt der Umweltaktivist und Gründer des Institute for Responsible Technology Einblick in die Mechanismen und Kräfte einer Industrie, die gerne im Hintergrund arbeitet. Auf die tatsächlichen, konkreten Risiken genmanipulierter Nahrung geht er erst ein, nachdem er den Leser mit seinem Biotechkrimi entweder gefesselt oder fast schon in die Flucht geschlagen hat - je nach Erwartungshaltung.

Dann aber bekommt man ausgesprochen verständlich und wissenschaftlich korrekt erklärt, wo in der Gentechnologie an Nahrungsmitteln Risiken liegen und was man tun könnte, um diese einigermaßen im Griff zu behalten. Jeffrey M. Smith greift nicht die Gentechnik an sich an. Er stellt aber den schludrigen bis skrupellosen Umgang, den sowohl private Konzerne als auch die Kontrollorgane der Regierung mit unbequemen Daten und Wissenschaftlern pflegen, an den Pranger. Er zeigt auf, wie fadenscheinig die im Marketing eingesetzten Argumente oft sind.

Dass er sich dabei manchmal als zweiter Michael Moore gebärdet, ist anstrengend, aber wahrscheinlich notwendig, um den (US-amerikanischen) Leser zu erreichen. Dass er sich dabei an einem bestimmten Konzern festbeißt, riecht nach privatem Rachefeldzug. Und dass er schließlich einer wahren Zitierwut erliegt, erhöht auf den ersten Blick zwar die Seriosität, trägt aber nicht unbedingt dazu bei, kritische Konsumenten bei der Stange bzw. beim Buch zu halten.

Eines sollte dem Leser klar sein: Der Großteil dieses Buches ist auf die USA zugeschnitten. Jeffrey M. Smith will seinen Mitbürgern vor Augen führen, dass sie nicht nur täglich undeklariert Genmanipuliertes zwischen die Zähne bekommen, sondern dass sie sich keinesfalls blindlings auf FDA und ähnliche Kontrollorgane der Nahrungsmittelsicherheit verlassen dürfen, dass Medien bei weitem nicht frei in ihrer Informationspolitik sind und dass auch hier Geld in Gestalt von rein marktwirtschaftlich orientierten Großkonzernen die Welt regiert.

Durch einige Gastkommentare und eine von Greenpeace übernommene Broschüre im Anhang wird das Buch europatauglich gemacht. Hier beginnt auch das erwähnte, sehr ausführliche Quellenverzeichnis relevant zu werden. Dienen die unzähligen Verweise vorher eher der Imagepflege, helfen sie jetzt tatsächlich bei der Orientierung. Welche Kennzeichnung bedeutet welchen Grenzwert? Welcher Konzern verfolgt welche Politik? Wo kann ich mich engagieren? Welche Richtlinien gelten in der EU? Was kommt in Europa in nächster Zeit auf uns zu?

Ein Buch, das viele Fragen offen lässt und selbst manchmal knapp an der Grenze der Seriösität liegt - das dem interessierten und engagierten Leser aber dafür das Werkzeug in die Hand gibt, sich kritisch und mit dem nötigen Backgroundwissen ausgestattet weiter zu informieren.


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