Die Stiege in den Himmel und der Killer im Kanal

"Die Strudlhofstiege" von Heimito von Doderer, Stefan Winterstein, Daniel Kehlmann

Klaus Nüchtern
FALTER 51-52/2016

Die Strudlhofstiege
oder Melzer und die Tiefe der Jahre
Heimito von Doderer, Stefan Winterstein, Daniel Kehlmann
C.H.Beck - 2016
28,80

Anzeige


Vor 50 Jahren starb Heimito von Doderer. Als Nobelpreisträger gehandelt und als Staatsdichter akklamiert, geriet er nach seinem Tod ein wenig ins Abseits der Aufmerksamkeit. Als stiegenbeschreitender und kanalquerender Großstadt-Romancier aber bleibt er unübertroffen

„Ein Mord den jeder begeht“ von 1938 ist nicht Doderers erster Roman, aber der früheste, der heute noch zum Kanon der „Greatest Hits“ zählt und gleichermaßen die logische Eingangstür darstellt, um diesen Kosmos zu betreten. Der „Mord“ verfügt über einen handfesten, von Ingredienzien der Schauerromantik und des Film noir gewürzten Krimi-Plot, in dem der Protagonist, Conrad Castiletz, quasi gegen sich selbst ermittelt. Und er hat die besten ersten Sätze Doderers (ein Superlativ, der sich wahrscheinlich auf die deutschsprachige Literatur der Epoche und darüber hinaus erstrecken ließe): „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.“
Im „Mord“ ist so gut wie alles enthalten, was die Literatur dieses Autors ausmacht, lediglich eines fehlt: der Humor. Und: Wien spielt nur auf den ersten hundert Seiten eine Rolle, ehe die Handlung für den Rest des Romans nach Süddeutschland verlegt wird. Dennoch findet sich gleich auf der ersten Seite eine meisterhafte Evokation des „Knabenreichs“ des jungen Castiletz (und zugleich des Autors selbst). Es ist eine Aufnahme aus der Totalen, die auf Details verzichtet und stattdessen auf atmosphärische Dichte und Erfassung der gesamten Topografie zielt.
Doderer bettet die Stadt stets in ihr Umland ein, und er hat Wien an die Donau zurückgeholt. Denn der Kanal, an dem der Schriftsteller aufgewachsen ist und der in seinen Wien-Romanen eine nicht zu überschätzende Rolle spielt, ist – wie der Erzähler der „Strudlhofstiege“ weiß – eben kein Kanal, „sondern ein erheblicher, breiter und tiefer, rasch fließender Teil des Stromes“. Der Fluss schließt die Stadt auf und erzeugt einen nicht nachlassenden Sog: einerseits in Richtung pannonischer Tiefebene, andererseits stromaufwärts Richtung Nußdorf, wohin es die Figuren der „Strudlhofstiege“ auf ihren Spaziergängen immer wieder zieht.
Der kleine Koksch aber, wie Castiletz genannt wird, blickt vom Westufer des Donaukanals Richtung Osten:

/ 1 / „[D]as war der eine auslaufende Flügel einer Großstadt, welcher seine Häusermasse jenseits eines breiten von Schiffen befahrenen Kanales unter dem Dunst bis an den Himmelsrand hinstreute. In der Tat war diese Häusermasse nicht in allen ihren Teilen zu geschlossenen Zeilen und Gassen gestockt, sondern vielfach aufgespalten, von unverbauten Feldern und Wiesenplänen unterbrochen, auf denen alte Bäume des Auwalds, Gebüsch und Jungholz standen. Manche Straße hatte nur auf der einen Seite Häuser, die schon in einer geschlossenen Reihe hinliefen, die andere Seite war jedoch leer. Hier sah man über Schotterhaufen, Holzstapel und das Geländer welches sich rückwärts vor der absinkenden Böschung des Kanals hinzog, über diesen selbst weit hinüber zu der vielgeteilten Stadtmasse jenseits des Wassers, und auch entlang, wo dieses langsam und glitzernd zwischen seinen zurückgelehnten Uferböschungen sich in einem Bogen nach links wandte. Dort stand der graugrüne Schaum der Baumkronen und dort traten die Wiesen heran. In der Ferne gab es Fabrikschornsteine, gereiht wie Pfeile in einem Köcher, und daneben noch die breiten und stumpfen Erhebungen der Gasometer, hinter deren von Gitterwerk überhöhten metallischen Glänzen winters der Nebel, sommers das aufgekrauste Gewölk eines dampfigen Himmelsrandes lag.“


Doderer, der 1896 in Hadersdorf-Weidlingau auf die Welt kam, wuchs auf der Weißgerberlände im dritten Bezirk auf. Die elterliche Stadtwohnung liegt in der Stammgasse 12 / A /, also nur wenige Gehminuten von jenem Ort entfernt, an dem heute das scheußlichste Gebäude Wiens, das Hundertwasser-Haus, steht. Noch dem erwachsenen Mann diente das Kinderzimmer – unterbrochen von der fünfjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland – als Domizil, ehe er mit 32 Jahren seine erste Untermietwohnung fand und nach Döbling zog.
Es gibt wohl keinen Begriff in Doderers Œuvre, der so bedeutsam ist wie der des Genius Loci. Für den Autor war dieser indes keine Metapher, sondern Realität. „[I]ch bin hier einfach besser, als ich im dritten Bezirk dort drüben bin, ich mach’ es besser, ich mach’ alles besser“, erklärt das Alter Ego des Autors, der Gymnasiast René von Stangeler, während eines Spaziergangs durch sein geliebtes Lichtental bzw. „Liechtenthal“ (wie’s bei Doderer stets geschrieben wird).
Dem eigenen Herkunftsbezirk gegenüber legt der Autor eine tiefe Abneigung an den Tag. Die „größte Bösartigkeit“ erreiche die Sprache, deren „Urschleim“ in Ottakring anzutreffen sei, „in gewissen Gegenden Erdbergs (…), besonders in der Dietrich-, Wasser- und Schwalbengasse“, gibt Doderer in dem Aufsatz „Die enteren Gründ’“ (1963) stadtgeografisch detailgenaue Auskunft.
Dem eigenen Kindheitsgrätzel hat er in seinem letzten vollendeten Roman, den „Wasserfällen von Slunj“ (1963) ein nicht sehr schmeichelhaftes Denkmal gesetzt. Einer der Protagonisten, ein gewisser Chwostik, ist nicht nur äußerst nachlässig gekleidet, sondern wohnt darüber hinaus auch noch in einer übel beleumundeten Gegend, woran dessen Freund Andreas Milohnić Anstoß nimmt:

/ 2 / „Schon die Gasse, in welcher Chwostik wohnte, mißfiel dem ,Milo‘ (so wurde er von Chwostik genannt, den er seinerseits mit ,Pepi‘ ansprach). Wenn die Dunkelheit hereingebrochen war, erschienen in der schwach beleuchteten ,Adamsgasse‘ (war dieser Name nun ominös oder nicht?!) auf dem Gehsteige vereinzelte Flecken, Gestalten, die stationär blieben oder sich in der Nähe eines Haustores nur wenig hin und her bewegten, teils auch unter oder vor demselben standen im geringen Schein einer Gaslaterne. Somit konnten diese Frauen nicht als Passantinnen gelten, und das wollten sie auch keineswegs. Einzelne Passanten jedoch wurden von ihnen angesprochen. Jede hatte in einem der Häuser ein Zimmer, wo dann einschlagenden Falles was passierte (die Hausmeisterin kassierte hierauf beim Weggehen des Gastes das Sperrgeld ebenso wie beim Kommen, also stets zweimal, und freilich weit mehr als von einer ,soliden Partei‘).“


Der Bezug einer Wohnung „auf der anderen Seite des Kanals“, also in der Leopoldstadt, ist ein erster entscheidender Schritt. Der auch in Kleidungsbelangen von Verwahrlosungstendenzen gefährdete Junggeselle zieht um, und er zieht sich um: „Abendanzug (…) mit Lackstiefletten versteht sich.“ Zuerst kommt der Anzug, dann folgt die Moral, sodass der Leser zum Zeitpunkt des Wohnungswechsels schon „einem neuen Stil-Element bei Chwostik“ begegnet, ganz im Sinne des berühmten Bonmots des Comte de Buffon, das Doderer in der „Strudlhofstiege“ zitiert: „Le style c’est l’homme.“ Fehlt eigentlich nur noch das Duftwasser, das in diesem Falle allerdings nicht „das gewisse Eau de Lavande“ ist, das dem René von Stangeler geschenkt wird und von dem – historischen Nasenzeugen zufolge – auch der Autor selbst stets stark vernehmlich umwolkt war. Stattdessen lässt der Milo dem Pepi Johann Maria Farinas Kölnisches Wasser zukommen.
Wer dergleichen für eine vernachlässigenswerte olfaktorische Afferei hält, läuft Gefahr, „den Autor dieser Erzählung“ (hier: der „Strudlhofstiege“) „über das übliche Maß zu ärgern. Denn das ist nichts weniger als äußerlich, wenn man jemanden veranlaßt, in einem bestimmten Geruche zu stehen und zu gehen.“
Doderer war ein Geruchshysteriker sondergleichen. In den „Merowingern“ werden die von der auf boshafte Vexationstechnologien spezialisierten Firma Hulesch & Quenzel produzierten „Peinflaschen“ widmungsgemäß dazu eingesetzt, um Freiherrn Childerich III. von Bartenbruch mittels übler Gerüche in einen seiner berüchtigten cholerischen Anfälle zu treiben.
Aber auch die Stadt selbst ist alles andere als geruchsneutral. Wien wird bei Doderer nicht nur erblickt und ergangen, sondern auch erschnuppert. Die einzelnen Grätzeln und Bezirke stehen „in einem bestimmten Geruche“, wie der Erzähler in den „Dämonen“ ausführt: „Der genius loci solcher disparater Stadt-Teile, durch neuzeitlich verbindende und vereinheitlichende Anstalten vertrieben, liegt doch mit unerhörter Persistenz noch immer in ihrer Luft, und von da wird man ihn wohl niemals wegbringen; es ist, als erinnere sich solch ein Stadtbezirk in tiefem Sinnen ständig seiner alten Zeiten, seines Ursprungs, seines ursprünglichen Wesens.“
Der Begriff, der hier ins Spiel gebracht werden muss, ist jener der „Apperzeption“. Abseits des Terminologie-Mystizismus, den der Autor mitunter gerne betreibt, ist damit so etwas wie die größtmögliche Aufgeschlossenheit aller Sinne gemeint, eine Wahrnehmungskompetenz, die sich selbst genügt und nicht einem zielgerichteten Handeln untergeordnet wird (wenngleich dieses aus jener erwachsen mag). Die „Fremdgänge“, die René von Stangeler in den „Dämonen“ unternimmt, verfolgen keinen Zweck außer dem, „wie ein Fremder in Wien spazieren [zu] gehen“. Das verbindet ihn mit der Figur des Flaneurs, wie sie Walter Benjamin in seinen Arbeiten über Baudelaire und das Paris des 19. Jahrhunderts entwickelt hat: „Den Flanierenden leitet“, so schreibt er im „Passagen-Werk“, „die Straße in eine entschwundene Zeit. Ihm ist eine jede abschüssig. Sie führt hinab, wenn nicht zu den Müttern, so doch in eine Vergangenheit, die um so bannender sein kann als sie nicht seine eigene, private ist.“

/ 3 / „René suchte heute nicht das Idyllische, welches jeden Ausblick und selbst eine mächtige Fernsicht zum sanften Herein-Scheinen mildert. Wo aber der Strom den Stadtrand anschneidet, dort bricht dieser in großen Stücken ab und steht geradewegs in die eröffnete Weite, mit Kais, Kranen und Lagerhallen, mit Eisenbahngeleisen, mit Werften und Fabriken dahinter, während dies alles, von den dahinfliehenden Wassermassen nachgezogen, gleichsam an den Ufern mitwandert, und in die vom Strome aufgespaltene Fernsicht hinein. In dieser Gegend stand er nun also, nach längerer Straßenbahnfahrt: und wirklich als ein Fremder. Auch war hier ein anderes Licht als etwa in der tiefen Grünverwachsenheit der Praterauen, mit ihrem Geruch aus Pflanzengewirr und Erdreich, mit einzelnen Tümpeln oder versumpften Armen. Das engere Gebiet des Stromes, windoffen an dem rasch hinfließenden Wasser, lag in einer, vergleichsweise, hellen und kalten Beleuchtung. Und der Strom hielt sich nicht auf. Er bespülte die Stadt und eilte. Wo Gebäude und Hallen standen, nahmen sie an jenem nüchternen Lichte teil, das überall an ihren langen Linien lag, ins Große und Entfernte ging, nichts zärtlich und verweilend vergoldete. Der neuzeitliche Baukomplex jener Firma, wo Trix K. saß, streckte sich den leeren Gehsteig entlang. René kam es freilich nicht in den Sinn, daß er sich hier nahe von Mary K.’s schöner Tochter befand.“


Näher an die Donau kommt Doderer allenfalls noch in Nußdorf. Das angesprochene Unternehmen aber ist die damals im „Hadernhandel“ tätige Firma Bunzl & Biach, deren Zentralbüro in der Engerthstraße 161–163 untergebracht war, heute die Adresse des Integrationshauses. Im bereits zitierten Aufsatz über „Die enteren Gründ’“ wird die Brigittenau als „vergleichsweise harmlos (wenn auch nicht ganz)“ beschrieben: „Ein Arbeiterbezirk. Hier ist alles groß, sei’s auch zum Teil noch schäbig, nüchtern, streng, die nackte Wahrheit. Die Straßen fallen gerade und weit aus, wie in eine noch leere Zukunft.“
Aus diesem Arbeiterbezirk stammt auch Doderers wohl unglaubwürdigster Protagonist. Ansäßig in der Treustraße / B /, wo ihn seine Vermieterin wider besseres Wissen ständig zum Kirchgang auffordert („I bet für Ihna“), verkörpert der Vorzeigeproleta­rier Leonhard Kakabsa die Menschwerdung qua Selbsterziehung: In der Buchhandlung Fiedler besorgt er sich das hierfür nötige Material, allem voran die Scheindler’sche Schulgrammatik des Lateinischen. Entsprechend auch die Metaphorik, die zum Einsatz gelangt, wenn Kakabsa, sich gleichsam am eigenen Schopf aus der Arbeiterklasse ziehend, die Grenze von der proletarischen Brigittenau zum bürgerlichen Alsergrund überschreitet:

/ 4 / „Alea iacta est, dachte Leonhard, und wußte freilich schon, bei welcher Gelegenheit dies Wort geprägt worden war, vom unvermeidlichen Caius Julius. Dieser hatte den Rubikon überschritten. Leonhard aber fuhr im Taxi über die Brigittabrücke und querte so den Donaukanal (…)“.


Auf der anderen Seite des erwähnten Übergangs, der nach Verkehrsfreigabe des Neubaus im Oktober 1926 eigentlich schon Friedens- und nicht mehr Brigittabrücke hieß, befinden sich einige der zentralen Schauplätze der „Strudlhofstiege“. Am Althanplatz / C /, der heute Julius-Tandler-Platz heißt, wohnen im Haus Nr. 6 sowohl Renés Verlobte Grete Siebenschein als auch – einen Stock darüber – deren Freundin Mary K. Und am Althanplatz wird dieser am 21. September 1925 das rechte Bein von der Straßenbahn „über dem Knie abgefahren“ – wie schon im ersten Satz der „Strudlhofstiege“ verraten wird. Es dauert dann freilich noch 760 Seiten bis zu diesem Datum und weitere 74 Seiten, bis sich der Unfall tatsächlich ereignet.
Die Prothese, mit der sich Mary im Sommer 1926 unter der medizinischen Obsorge von Professor Habermann in München vertraut macht, ändert nichts an der erotischen Ausstrahlungskraft, die diese Super Hot Redhead Milf „im Anstiege zur wahren fraulichen Pracht der vierzig und fünfzig“ auf die Männerwelt und also auch auf Leo Kakabsa ausübt, der sie am 13. November 1926 kennen lernen und im Rahmen des großen Verehelichungsfinales der „Dämonen“ auch heiraten wird.
Kakabsas Aufstieg ins Bürgertum ist aber nicht nur ein amouröser, sondern auch ein beruflicher: Vom Arbeiter in der Gurtenweberei Rolletschek avanciert er zum Leiter der Fideikommiß-Bibliothek des Prinzen Croix, die in dessen Palais in der Reisnerstraße / D /, untergebracht ist. Von dort aus begibt sich Kakabsa am 15. Juli 1927, dem Tag des Justizpalastbrandes, in Richtung Universität, wo er auf einen der Arbeiterzüge trifft, die mit ihren Transparenten gegen den Freispruch der Mörder von Schattendorf protestieren.
Wie schon den 21. September 1925 in der „Strudlhofstiege“ hat Doderer auch den 15. Juli 1927, auf den „Die Dämonen“ zusteuern und der in dem über 100 Seiten starken Kapitel „Das Feuer“ geschildert wird, als multi-perspektivischen, präzise getakteten Suspense-Thriller angelegt, bei dem sich die einzelnen Protagonisten sternförmig dem Zentrum des Geschehens nähern: Frühaufsteher Geyrenhoff kommt aus dem Norden, aus der „Gartenvorstadt“ in Oberdöbling, die Prostituierte Anny Gräven aus der Leopoldstadt (Nordosten), die Quapp aus Hietzing (Westen), und der Mörder Meisgeier begibt sich gemeinsam mit der Kellnerin Anna Diwald „in die mächtig breite und hohe Öffnung“ unter der Friedensbrücke:

/ 4 / „Jetzt und hier (…) war es eine ausgedehnte Halle mit Steinboden, in welche Didi hinter dem eiligen Meisgeier eintrat, ins Dunkel sich erstreckend und wie unter den Bauch der Stadt hinein, von wo eine kalte niederschlagende Luft entgegen hauchte, nicht eigentlich stinkend, wohl aber das äußerste Gegenteil jedes lebendigen und belebenden Dufts. (…) Sonst donnert es hier in dieser Halle regelmäßig wiederkehrend dumpf und gewaltig von oben. Es sind die Züge der ,Stadtbahn‘ (wie man zu Wien die Hoch- und Untergrundbahn nennt). Sie brausen über ihren querlaufenden Viadukt, der an einer Stelle die Decke bildet. Man kann die schweren Träger von Stahl sehen. Heute war es still.“


Die Stille verdankt sich übrigens dem Umstand, dass im Zuge eines Proteststreiks der Straßenbahn der Strom abgeschaltet worden war – wie fünf Seiten zuvor auch die mit einer beachtlich langen Leitung ausgestattete Quapp zur Kenntnis nehmen muss, nachdem sie am Ober-St.-Veiter Ende der Hietzinger Straße / E / vergeblich auf die Tramway gewartet hat: „Es gab also eine Störung.“
„Jetzt stellen wir der Höh an Bam auf“, erklärt der Meisgeier der ahnungslosen Diwald seine Absicht, um sich durch den Kanal bis in die Innere Stadt vorzuarbeiten, wo er mittels einer Drahtschlinge durch ein Kanalgitter hindurch Polizisten zu Fall bringt. Dieser vergleichsweise harmlose Sabotageakt bleibt von den Ordnungskräften indes nicht unbemerkt, wobei sich Sektionsrat Geyrenhoff, der soeben die Wohnung des Hofrates Gürtzner-Gontard am Schmerlingplatz / F / verlassen hat, auf die rätselhaften Vorgänge, die er beobachtet und die nichts weniger als den Tod des Meisgeiers und der Diwald zur Folge haben, keinen Reim machen kann:

/ 5 / „Wieder stürzte beim Kanalgitter einer von den (…) Männern und raffte sich samt seinem Karabiner auf. Unmittelbar danach sprang von drüben der Offizier mit zwei wahren Tigersätzen über die Fahrbahn und stieß den Lauf seiner Pistole in das Gitter des Schachts. Er feuerte ein halbes Dutzend Mal hinab.“


Einer Anekdote zufolge war es Doderer, der Graham Greene durchs zerbombte Nachkriegswien geführt haben und diesen auf die öffentliche Zugänglichkeit des Wiener Kanalnetzes aufmerksam gemacht haben soll. In Carol Reeds Film „Der dritte Mann“ (1949), zu dem Greene das Drehbuch verfasst hatte, dient es bekanntlich als spektakulärer Schauplatz einer Verfolgungsjagd. Da die „Dämonen“ erst sieben Jahre nach dem Film erschienen, musste es sich Kennern beider Werke nun so darstellen, als hätte sich Doderer von Greene inspirieren lassen und nicht umgekehrt. Wie gesagt: eine Anekdote.
Doderer ist fraglos einer der bedeutendsten urbanen Schriftsteller der Weltliteratur, und das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass er es versteht, seine ganz persönliche Raummythologie zu schaffen. „Es sind die loci, aus denen die personae erwachsen“, hat es der Literaturwissenschaftler und Doderer-Spezialist Wendelin Schmidt-Dengler einmal formuliert.
Als Doderer 1953 die sogenannte „Textmasse B“ der „Dämonen“ in Angriff nimmt, beschließt er, das bereits aus der „Strudlhofstiege“ bekannte Haus „Zum Blauen Einhorn“ in der Liechtensteinstraße 74 / G / zum Gravitationszentrum des Romans zu machen. Das heute nicht mehr existierende Biedermeierhaus ist das Reich der Anna Kapsreiter, einer als „Kleinbürger[in] mit Weite des Herzens und großartiger Humanität“ beschriebenen Figur, die im Roman die fiktive Schwester des historisch verbürgten Schattendorfopfers Matthias ­Csmarits ist.
Das „Haus Zum Blauen Einhorn“ und auch die Person der „Kaps“ selbst werden zum Schauplatz, an dem die Mächte des Lichtes und der Finsternis aufeinandertreffen. Beide sind einerseits Teil der idyllischen Welt von Lichtental, wo Franz Schubert in die Schule ging und in der Pfarrkirche Orgelunterricht unterhielt. Diese wird beschrieben als eine „überschaubare, erfühlbare, vom Großstädtischen vielleicht noch nicht provozierte kleine Welt“.
Andererseits befindet sich das Haus an einer der tiefstgelegenen Regionen Wiens, die vor der Errichtung der Entlastungskanäle des Alser- und Währingerbaches immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht wurde. Aus diesem Grund ist Lichtental in den „Dämonen“ zugleich auch eine „entrische“, also unheimliche Gegend. Festgehalten wird das im sogenannten „Nachtbuch“, in dem die Kaps ihre (Alb-)Träume protokolliert, die sich auch als Vorahnung des Todes ihres Neffen Pepi Grössing erweisen:

/ 6 / „Es ist auch eine schlechte Gegend hier, so tief an der Donau, und ich wohn’ doch nur im ersten Stock. Durch den Abort wollt’ ich nicht hinuntergehen, es ist ungehörig. Ich möchte es gern vergessen, was da unten ist, und daß dort das Zeug herumkriecht, aber wir sind eben unterwandert (...). Dann hab’ ich geträumt, der Bub ist am Klosett und kommt nicht wieder. Nein, er kommt nicht wieder.“


Die keine zehn Gehminuten südlich vom „Haus Zum Blauen Einhorn“ gelegene Strudlhofstiege / H / ist gewissermaßen das architektonische Gegenprogramm zu den chthonischen Kräften der Unterwelt, die „dort unten“ walten. Als der Roman 1951 erschien, war die 1910 errichtete Titelheldin aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden, ebenso wie der Name des Erbauers: Johann Theodor Jaeger, Beamter des Stadtbau-Amtes, dem Doderer den Roman gewidmet hat.
Das auf 48 Grad, 13 Minuten, 19,6 Sekunden nördlicher Breite und 16 Grad, 21 Minuten, 28,5 Sekunden östlicher Länge situierte Bauwerk, das zur Überwindung eines Höhenunterschiedes von elf Metern 58 Stufen benötigt, ist aus der Sicht seines literarischen Entdeckers nichts weniger als a Stairway to Heaven, eine Treppe in den Himmel der Zivilisation:

/ 7 / „[D]ort oben schwang sich der Abgang zur ersten Rampe herein, würdig und ausholend in den baumreichen Hang, mit flachen, nicht mit steilen, eiligen, mühseligen Treppen. Hier war empor zu schreiten, hier mußte man herunter gezogen kommen, nicht geschwind hinauf oder herab steigen über die Hühnerleiter formloser Zwecke. Die Stiegen lagen da für jedermann, für’s selbstgenuge Pack und Gesindel, aber ihr Bau war bestimmt, sich dem Schritt des Schicksals vorzubereiten, welcher nicht geharnischten Fußes immer gesetzt werden muß, sondern oft fast lautlos auf den leichtesten Sohlen tritt, und in Atlasschuhen, oder mit den Trippelschrittchen eines baren armen Herzens, das tickenden Schlags auf seinen Füßlein läuft, auf winzigen bloßen Herzfüßlein und in seiner Not: auch ihm geben die Stiegen, mit Prunk herabkaskadierend, das Geleit, und sie sind immer da, und sie ermüden nie uns zu sagen, daß jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel. Der Meister der Stiegen hat ein Stückchen unserer millionenfachen Wege in der Großstadt herausgegriffen und uns gezeigt, was in jedem Meter davon steckt an Dignität und Dekor.“


Ob sich Doderers mäandernder Satzbau der Mimesis an die Architektur verdankt, oder ob sich der Autor – umgekehrt – jenes Bauwerk ausgesucht hat, das seiner Syntax am ehesten entspricht, sei dahingestellt. Auch der architekturhistorische Rang der Strudlhofstiege (den Friedrich Achleitner als ziemlich durchschnittlich einschätzt) ist vernachlässigenswert.
Entscheidend ist das pädagogische Programm urbaner Herzensbildung, das hier entfaltet wird und wohl auch einen Hinweis darauf enthält, wie Doderer zu lesen sei. Für den häppchenweisen Verzehr sind „Die Strudlhofstiege“ und „Die Dämonen“ entschieden zu voluminös, da muss man schon auch Meter machen. Zugleich gilt es, nicht atemlos hindurch zu hetzen, sondern zu schreiten, um der Dignität des Dekors gerecht zu werden.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 51-52/2016

Anzeige

Anzeige