"Der gute Stalin" von Viktor Jerofejew, Beate Rausch

Erich Klein
FALTER 48/2004

Der gute Stalin
Viktor Jerofejew, Beate Rausch
Berlin - 2004
0,00

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"Auf dem Schwanz sitzen und ein Fischlein essen", ist die russische Formel für "Alles auf einmal wollen". Wenedikt und Viktor Jerofejew gehören zu den bekanntesten Autoren der russischen Gegenwartsliteratur und wollen als Schriftsteller immer alles: Literatur und Erfolg. Der 1938 im sibirischen Kirowsk geborene Wenedikt Jerofejew schrieb mit "Reise nach Petuschki" das Kultbuch der untergehenden Sowjetunion, im Nachlass des 1990 verstorbenen Alkoholikers fand sich außer den "Aufzeichnungen eines Psychopathen" nur wenig. Das fingierte Tagebuch aus 1956/57 zeigt den jungen Jerofejew schon auf der Höhe seiner literarischen Möglichkeiten: obszön und zärtlich, rabiat und durchtrieben, intellektuell und originell. "Mein Urgroßvater wurde wahnsinnig. Mein Großvater bekreuzigte mit zitternden Fingern die auf ihn gerichteten Mündungen sowjetischer Gewehre. Mein Vater verschluckte sich an 96-prozentigem denaturiertem Sprit. Nur ich bin immer Wenedikt." Ein Student lässt die Herabgekommenheit des Sowjetlebens, das Saufen und Ficken und den von Parteitagsreden durchsetzten Alltag zu nah an sich heran, schließlich schnappt er über: "Wer in fremde Fenster guckt, sieht vor dem Hintergrund eines dunklen Stores das Spiegelbild seiner eigenen Visage."Die literarisch weniger interessante Jerofejew-Visage gehört Viktor Jerofejew. Der 1947 als Sohn eines hochrangigen Sowjetdiplomaten geborene Schriftsteller und Essayist hat sich nach längerem Schweigen mit "Der gute Stalin", einer Geschichte des Sowjettotalitarismus anhand der eigenen Familiengeschichte, in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Papa Jerofejew beginnt im Zweiten Weltkrieg seinen Aufstieg in die höchsten Etagen der Macht, Mama liest gerne "Nouvel-Obs", der in Paris aufgewachsene Sohn Viktor wird zum stillen Dissidenten, schließlich gibt er den oppositionellen Literaturalamanch "Metropol" heraus, was Papa seinen Botschafterposten kostet. Außer dem monumentalen Eingangssatz "Schließlich habe ich meinen Vater ermordet" ist das Ganze nichts als eine Tratschorgie über Moskauer Nomenklaturaverhältnisse.


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