Unser Mann an der Ostfront

"Brennpunkt Ukraine" von Christian Wehrschütz

Wolfgang Zwander
FALTER 51/2014

Brennpunkt Ukraine
Gespräche über ein gespaltenes Land
Christian Wehrschütz
Styria Premium in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG - 2014
24,99

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Christian Wehrschütz galt lange als Sonderling. Nun wird er für seine Ukraine-Berichterstattung gefeiert

Die Krise in der Ukraine kennt viele Verlierer und nur ganz wenige Gewinner. Einer, der von diesem Konflikt profitiert hat, ist Christian Wehrschütz. Der ORF-Journalist war bis vor einem Jahr bestenfalls als skurrile Figur bekannt. Als rechter, einst FPÖ-naher Exot, mit einer Vorliebe für schrille Sakkos, den Journalistenkollegen öffentlich diskreditierten und 1999 als Korrespondenten ins Milošević-Belgrad abschoben.
Als Wehrschütz 2011 bei der Wahl zum ORF-Chef gegen den amtierenden Alexander Wrabetz antrat, wurde das am Künigl­berg als Scherz zur Kenntnis genommen. Mehr nicht.
Heute lacht und spottet im ORF niemand mehr über den neuen Kiew-Korrespondenten. Und wenn doch, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Wehrschütz, 53 Jahre, ist am vergangenen Dienstag vom Branchenblatt Journalist zum Journalisten des Jahres gekürt worden. Das allein würde noch nicht viel bedeuten, wäre es nicht der krönende Abschluss eines erfolgreichen Jahres.
"Im vergangenen Jahr hat Wehrschütz durch seine intensive Präsenz in Radio, Fernsehen und auf Facebook zweifellos ­einen Popularitätsschub erhalten", sagt ORF-Sprecher Martin Biedermann. Ausländische Partnersender loben seine Arbeit. ("Excellent ORF Report", "Real War Reportage").
Auch ein Rundruf bei seinen ORF-Kollegen, die namentlich nicht genannt werden wollen, ergab, dass seine Arbeit mittlerweile sehr geschätzt wird. Viele hätten ihn zwar lange für einen "rechten Sonderling" gehalten, aber sein großer Einsatz, seine starken Bilder und seine direkte Art hätten ihn mittlerweile bei fast allen Kollegen beliebt gemacht.

Die große Wende in Wehrschütz' Karriere begann mit einem unerwarteten Anruf. Im Jänner dieses Jahres fragte ihn ORF-TV-Chefredakteur Fritz Dittelbacher: "Könnten Sie ab morgen aus der Ukraine berichten?" Wehrschütz packte seine Koffer und flog nach Kiew.
Auf dem Maidan, dem Zentrum der ukrainischen Hauptstadt, versammelten sich gerade wütende Bürger und undurchsichtige Paramilitärs, um die Regierung aus dem Amt zu jagen. Die Aufständischen errichteten meterhohe Barrikaden aus Reifen und Gerümpel und fochten mit Sonderpolizisten Straßenschlachten aus. Steine flogen, Schüsse fielen, Menschen starben, und Wehrschütz war mittendrin.
Zeitgleich fanden im russischen Sotschi die letzten Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele statt; ein riesiges Medienereignis, das viele Journalisten binden sollte.
Medaillenkampf in Sotschi, Machtkampf in Kiew, russischsprachige Korrespondenten wurden im ORF gegen Jahresbeginn plötzlich zur Mangelware.
Wehrschütz spricht Russisch und Ukrainisch. Bereits in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion verbrachte er immer wieder mehrere Wochen in der Ukraine. Seine Russischlehrerin lebte in der heute umkämpften Industriestadt Donezk. Er war fasziniert von der russischen und ukrainischen Kultur.
Und dann gab es da einen Mann, dessen Schriften Wehrschütz' politische Aufmerksamkeit schon früh auf die Ukraine richteten: Zbigniew Brzeziński, der einflussreiche US-Politologe, den Barack Oba­ma "einen unserer herausragendsten Denker" nannte.
Brzeziński prophezeite bereits Mitte der 1990er-Jahre: Wenn Russland die Ukraine als Einflussgebiet verliert, werde es keine imperiale Macht mehr sein. Die Ukraine sei ein geopolitischer Schlüsselstaat, in dem zwischen Russland und dem Westen über die Vorherrschaft in ganz Eurasien entschieden werde.
"Ich halte das bis heute für sehr schlüssig", sagt Wehrschütz während eines Treffens in einem Wiener Kaffeehaus. In der Ukraine gehe es nicht um Gut gegen Böse, sondern um einen geostrategischen Konflikt.

Nachdem antirussische Kräfte die demokratisch legitimierte Regierung in Kiew vertrieben und die Macht erobert hatten, annektierte Russland die Halbinsel Krim und unterstützte prorussische Kräfte in der Region um Donezk. Der offene Machtkampf, der zwischen Kiew und Moskau ausbrach, findet seitdem längst nicht nur mehr in der Ukraine statt, er wird auch in den heimischen Medien ausgetragen.
"Wir erleben zurzeit einen ungeahnten Propagandakrieg", sagt Wehrschütz. Es finde eine totale "Abwertung Andersdenkender" statt. "Wer die russische Interessenlage auch nur ein bisschen zu verstehen versucht, dessen Meinung wird als Teufelszeug abgetan."
Tatsächlich kam es in den vergangenen Monaten zu unwahrscheinlichen Dammbrüchen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit: Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble verglich den russischen Präsidenten mit Hitler. Das renommierte Wochenmagazin Der Spiegel schrieb auf sein Cover "Stoppt Putin jetzt!" und zeigte dazu die Fotos der Todesopfer eines Flugzeugabsturzes in der Ostukraine, über dessen Ursache damals noch keinerlei Gewissheit herrschte. Ein Redakteur des Standard forderte gar "US-Luftschläge gegen Separatistenstellungen und russische Nachschublinien", also einen westlichen Bombenangriff auf russische Truppen.
Wehrschütz verweigert sich diesen aggressiven Tönen, die für viele wie Kriegsgetrommel klingen. Er sagt: "Ich habe keine religiöse Berufsauffassung und ich möchte den Zusehern nicht meine persönliche Meinung vermitteln, sondern ich möchte sie selbst zum Denken anregen. Die Ukraine ist nicht mein Land, es ist auch nicht mein Konflikt. Ich habe als Korrespondent neutral zu sein." Er nennt sich selbst "Vollblutreporter", Journalismus sei seine große Leidenschaft. Seine Frau sage, er habe großes Glück, weil sein Beruf auch sein größtes Hobby sei. "Ich bin einfach gerne unter Menschen", sagt er, "als Reporter kannst du nicht introvertiert sein."

Während der Offensive der ukrainischen Armee gegen die prorussischen Kräfte im Osten war er zeitweise der einzige deutschsprachige TV-Reporter im Konfliktgebiet. Gemeinsam mit einem Kameramann und einem Fahrer, die ortsansässig waren und gute lokale Kontakte hatten. Vor zerbombten Häusern tauchte er am Bildschirm in den heimischen Wohnzimmern auf. Insgesamt berichtete er im ORF im vergangenen Jahr mehr als 20 Stunden aus der Ukraine, sieben davon live. Ginge es nach ihm, würde er im Fernsehen auch Tote zeigen. Er sagt, das sei dem Zuseher zumutbar. Der ORF wolle das aber nicht, weshalb er die Leichen nur auf Facebook stelle. Seine Facebook-Freunde hätten sich in den letzten Monaten verzehnfacht.
Warum seine Berichterstattung beim Publikum offenbar gut ankommt? "Meine Zuseher haben womöglich das Gefühl, dass ich sie nicht manipulieren will." So vermeide er etwa das gängige Wort "Separatisten" für die pro-russischen Kämpfer, er sage stattdessen "Freischärler" oder "Rebellen". Selbst die Nato-Geheimdienste würden heute bestätigen, dass Russland keine Abspaltung der Ost­ukraine erreichen wolle.
Wer in Zeiten, in denen deutschsprachige Medien sich überwiegend auf Russland einschießen, gegen den Mainstream berichtet, macht sich damit nicht nur Freunde. Es gab zum Beispiel Kritik von Kollegen an Wehrschütz, weil er dem Kreml-nahen Sender "RT Deutsch" ein Interview gab, in dem er der Maidan-Bewegung eine Mitschuld an der Ukraine-Krise zusprach.

Wehrschütz ist es allerdings schon lange gewohnt, von Kollegen angefeindet zu werden. Nachdem Generalintendant Gerd Bacher ihn zum ORF geholt hatte, zitierte der Standard 1992 einen anonymen ORF-Kollegen mit den Worten: "Seit drei Tagen ­sitze Wehrschütz allein im Zimmer, niemand rede mit ihm."
Anlässlich angeblicher FPÖ-Postenwünsche hieß es zehn Jahre später ebenfalls im Standard: "Wie niedrig die Maßstäbe (und der Widerstand) schon geworden sind", sei ablesbar daran, "dass etwa ein Christian Wehrschütz jetzt von ORF-Generaldirektorin Lindner offenbar als Leiter einer Osteuropa-Redaktion vorgesehen sei: mehr Lebensraum im Osten für FPÖ-Vertrauensleute". Das Nachrichtenmagazin Profil widmete ihm 2011 sogar auf einer ganzen Seite eine beinahe schon skurrile Geschichte: "Empörung bei den österreichischen Freimaurern: Eine FPÖ-nahe Gruppe hat den ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz eingeschmuggelt."
Wenn Wehrschütz mit diesen Vorwürfen und Geschichten konfrontiert wird, bleibt sein Gesicht stoisch ruhig, und er beginnt aus seinem Leben zu erzählen.

Wehrschütz ist in der Steiermark aufgewachsen und schloss in Graz ein Jusstudium ab. Er komme aus einer "tiefschwarzen" Familie, sagt er. Sein Vater, ein Uni-Professor, sei beim Cartellverband gewesen. Im Geschäft seiner Mutter hätte man im Dritten Reich nicht eingekauft, wegen ihrer christlich-sozialen Gesinnung.
Er selbst fühlte sich aber angezogen von der Politik des Grazer Bürgermeisters Alexander Götz, eines FPÖ-Gründungsmitglieds, das sich später mit Jörg Haider zerstritt. "Die Überlegung eines dritten Weges zwischen den beiden Parteikirchen SPÖ und ÖVP fand ich immer charmant", sagt Wehrschütz.
Als Jugendlicher sei er Mitglied des Mittelschüler-Kartell-Verbands gewesen, aber nie bei einer Burschenschaft. Bis 1983 schrieb er für die heute als rechtsextrem eingestufte Aula, etwa über die Zukunftsperspektiven von Kleinstaaten. Man möge dabei bitte die Relation wahren, sagt er dazu, seinerzeit habe in der Aula "die gesamte steiermärkische Landesregierung inseriert".
1987 wurde er Chefredakteur bei der FPÖ-Wochenzeitung Neue Freie Presse, ein Jahr später volontierte er bei der Neuen Zürcher Zeitung, 1991 holte ihn Bacher zum ORF.

Dass in seinen ersten ORF-Tagen niemand mit ihm gesprochen habe, sei "totaler Blödsinn", sagt er. Er sei nie allein in einem Zimmer gesessen, sondern mit dem Redakteur vom Dienst in der Nachrichtenredaktion.
Zur Sache mit den Freimaurern wolle er sich nicht äußern, das sei Privatsache und gehe niemanden etwas an. Nur soviel: "Der Profil-Artikel war zu 90 Prozent falsch." Überdies sei er unter Schwarz-Blau niemals als Chef einer "Osteuropa-Redaktion" gehandelt worden. Und FPÖ-Mitglied sei er auch keines mehr, 2002 sei er aus der Partei aus Enttäuschung über ihre Regierungsperformance ausgetreten.
Seine politische Gesinnung sei außerdem nie in seine ORF-Arbeit eingeflossen.
Wehrschütz ist noch Leiter des ORF-Büros in Belgrad, aber 2015 wird er jenes in Kiew übernehmen. Angst vor den Unruhen und der Gewalt in der Ukraine habe er keine, sagt er. Gefährlicher als das, was er im Mazedonien-Konflikt erlebt habe, könne es nicht werden.
2001 sei er mit mazedonischen Polizisten in einem Checkpoint-Bunker gesessen und habe mit ihnen Weinbrand getrunken. Unvermittelt sei ein Albaner mit dem Auto stehen geblieben und habe eine Handgranate hineinwerfen wollen. "Zum Glück schoss die mazedonische Polizei schneller als der Albaner warf."


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