"Das Labyrinth" von Gerhard Roth

Erich Klein
FALTER 6/2005

Das Labyrinth
Gerhard Roth
S. Fischer 2005

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Gerhard Roths neuer Roman "Labyrinth" erweist sich als Irrgarten aus Fiktion und Wirklichkeit, Psychiatrie und Monarchie.

Die Hofburg brennt. Genauer gesagt ein Teil davon, die Redoutensäle. Den historischen Brand im Jahr 1992 nimmt Gerhard Roth zum Ausgangspunkt für seinen neuesten Roman "Das Labyrinth". Anders als in den voluminösen "Archiven des Schweigens", die von der unheilvollen Vorgeschichte der Zweiten Republik und den Spätfolgen des Nationalsozialismus handelten, begibt sich Roth mit dem "Labyrinth", dem fünften Band seines monumentalen, an Homer geschulten und "Orkus" betitelten Romanprojektes, auf das weitläufige Terrain der Habsburgermonarchie und ihrer Nachwirkungen in der Gegenwart.

Der Verdacht, dass es sich beim Brand der im Lauf von sieben Jahrhunderten erbauten Machtzentrale des einst weltumfassenden Reiches im Zentrum von Wien um Brandstiftung handelt, ist ebenso rasch geäußert wie ein Verdächtiger gefunden: Philipp Stourzh, ein Pyromane. Diesen verdächtigt jedenfalls Stourzhs Psychiater Heinrich Pollanzy, der als Leiter der Anstalt Gugging auch dessen Chef ist: Der ehemalige Patient und Velazquez-Freak arbeitet nach einem Studium der Kunstgeschichte mittlerweile im dortigen Pavillon der Künstler als Pfleger.

Was sich bis zu Stourzhs Freispruch aus Mangel an Beweisen zwischen Arzt und Patient, der Logopädin Astrid, dem Irren-Künstler Lindner sowie einem namenlos bleibenden Schriftsteller abspielt, soll vermutlich die Abgründe der menschlichen Seele ausleuchten, bleibt als Erzählung aber merkwürdig farb- und gestaltlos. Auch wenn die Schauplätze zwischen Wien, Madeira, Lissabon, Madrid und Toledo wechseln, kommt auf den 450 Seiten nirgendwo die nötige Spannung auf, gelangt die (durch das Auftauchen von Figuren aus früheren Werken Roths noch verstärkte) Vermengung von Realität und Fiktion nie bis zu jenem Punkt, an dem der Leser tatsächlich gepackt würde. Wenn etwa Stourzh von Pollanzys Geliebter Astrid dazu angestiftet wird, diesen zu ermorden, erweist sich dies am Ende des Kapitels als eine literarische Erfindung Stourzhs. Der tatsächliche Überfall auf Pollanzy am Vorabend eines Psychologenkongresses in Toledo geht in diesem ziemlich konstruierten und ein wenig mit Sex garnierten literarischen Vexierspiel einfach unter.

Was am "Labyrinth", in dem es um mehr gehen soll als darum, wer wann mit wem was hatte, ganz besonders nervt, ist die ständige Thematisierung des Wahnsinns: Geradezu enzyklopädisch wird namegedroppt - von Lombroso bis Foucault, von Kafka bis Pessoa, von Cervantes bis Goya -, um dieser essayistisch ausgewalzten Bildungsbürgerei wenig mehr als die zweifelhafte Erkenntnis abzugewinnen, dass alle große Kunst eine Form des Wahnsinns darstelle. Klüger wird das Buch dadurch nicht, auch wenn man eine Menge über das sonderbare und inbrünstig-katholische Leben des letzten Habsburger-Kaisers Karl sowie die landschaftliche Schönheit der Insel Madeira erfährt.

Am besten gelungen sind noch die bernhardesken Schimpftiraden über "die Geisteswissenschaften", die Beschreibungen von Wiener Schauplätzen wie dem Café Prückel oder dem Palmenhaus samt ihren Stammgästen oder jene Unterhaltung des Erzählers mit einem befreundeten Chirurgen, der die Welt aus der Perspektive einer Darmspiegelung erklärt.

Ein Roman "über die Könige, die Geisteskranken und die Künstler - oder über mich selbst", wie es an einer Stelle heißt, ist das Buch allerdings nicht. Vor lauter Rauch an Bedeutsamkeit ist in diesem Labyrinth kein Feuer mehr zu finden, der intendierte historisch-philosophische Weltenbrand bleibt über weite Strecken ein literarischer Funkenflug: Klingt die Anekdote, der seinerzeit lungenkranke und inzwischen verstorbene Bundespräsident habe mit einer aus Angst vor seiner Frau im Schreibtisch versteckten und vergessenen Zigarre den Brand der Hofburg ausgelöst, noch amüsant, ist die mittlerweile zum Skandälchen avancierte Beschreibung des Zumpferls des ehemaligen Wirtschaftsministers und heutigen Kanzlers, der in die rauchenden Trümmer pinkelt, nur noch läppisch. Dem Objekt seines Spottes nicht unähnlich, gebärdet sich Roth, der sich gerne als literarischer Therapeut des Landes gibt, wahrhaft wie ein Prometheus austriacus: verschroben.


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