Im KZ der Talkshow-Gesellschaft

"Die Außerirdischen" von Doron Rabinovici

Sebastian Fasthuber
FALTER 32/2017

Die Außerirdischen
Roman
Doron Rabinovici
Suhrkamp - 2017
22,70

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Dem Wiener Autor Doron Rabinovici glückt mit „Die Außerirdischen“ eine um die Ecke gedachte, bitterböse Zeitdiagnose

Was kann ein Autor tun, wenn er etwas über unsere Zeit aussagen will, ohne sich schon bei der Recherche im Gewirr aus schlechten Nachrichten und Hasspostings zu verheddern? Das scheint die wohl dringendste Frage jener Literatur zu sein, die sich dem Hier und Jetzt verschrieben hat. Viele Romanciers versuchen es derzeit, indem sie in die nahe Zukunft ausweichen und die Schrecken der Gegenwart noch potenzieren. Sie schildern Horror­szenarien, die aus heutiger Sicht zumindest nicht ganz unglaubwürdig wirken.

Einen eigenen Twist gibt diesem Ansatz Doron Rabinovici mit seinem jüngsten Roman „Die Außerirdischen“. Der Wiener Autor und Historiker setzt sich seit vielen Jahren in belletristischen Werken und Sachbüchern, in Essays und Vorträgen mit jüdischen Themen auseinander. Er hat über die Überlebenden der Schoah geschrieben, über Erinnerungskultur und jüdische Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dass dieser Mann in einem Buch einmal Außerirdische auf der Erde landen lassen würde, damit war nun wirklich nicht zu rechnen.
Die Aliens kommen über Nacht und ohne Chaos auszulösen. Anfangs halten die Erdenbürger die diesbezüglichen Nachrichtenmeldungen, die auch zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen, für einen schlechten Scherz. Dann fällt in Wien plötzlich der Strom aus und die Menschen spielen verrückt, beginnen zu plündern und sich zu Banden zusammenzurotten.
Auch als die Systeme wieder hochfahren, wird es nicht viel besser. Glücksritter träumen bereits davon, ihre Geschäftsfelder mit Unterstützung der Außerirdischen in die unendlichen Weiten des Weltalls auszudehnen und handeln mit Optionen auf Grundstücke im Weltraum („Exobilien“). Der Ich-Erzähler Sol muss derweil ­mitansehen, wie sein Onlinemagazin für Ernährungs- und Genussfragen zum Krawallmedium mit täglicher Talkshow über die Aliens wird.
Rabinovici versteht sich auf lustvolle Übertreibungen. Langsam dreht er die Schrauben immer weiter. Eines Tages verlangen die Außerirdischen nach Menschenfleisch. Sie wollen aber niemandem Leid zufügen, die Opfer sollen auf freiwilliger Basis gefunden werden. Schnell ist eine gigantische Reality-Show erfunden, in der junge, fitte Helden gegeneinander antreten. Den Gewinnern winken Ruhm und Reichtum, während die Verlierer im Kochtopf landen – nicht ohne davor ein paar schöne letzte Tage auf einer Insel zu verbringen.

Sol ist angeekelt von der Show und der Art, wie darüber in dem Medium, das er einst mitbegründet hat, berichtet wird. Doch die Menschen lieben das Spektakel, es erreicht Rekordquoten. Rabinovici zeigt, wo der Zynismus, der unser Denken und Fühlen schon ziemlich vergiftet hat, noch hinführen kann. Manchmal sollte man bei der Lektüre des Romans kurz pausieren und im Kopf ein, zwei Schritte zurückmachen, um zu erkennen: Der Autor schreibt hier mitnichten Science-Fiction, es geht ihm um eine bitterböse Zeitdiagnose. Die ist um die Ecke gedacht, aber dadurch nicht minder treffend.

Und die Außerirdischen? Wollen sich der neugierigen Menschheit einfach nicht zeigen. Ein einziges Mal treten die Aliens öffentlich auf, und da schauen sie uns verblüffend ähnlich. Haben die Regierungen der großen Staaten alles nur erfunden? Die außerirdischen Gäste sind eine gewitzte Finte dieses Romans, der im Grunde davon erzählt, wie fremd sich die Menschen – untereinander und selbst – geworden sind. Die Aliens, das sind wir.
Der in Ungnade gefallene Sol landet schließlich auf einer Insel, die sich als moderne Variante eines Konzentrationslagers entpuppt. Hier dienen jene, die gerade noch als TV-Superhelden bejubelt wurden, als brutale Aufseher und Mörder. Damit ist Rabinovici auf ungewöhnlichem Weg doch wieder bei seinem großen Thema angelangt. In niederdrückenden Bildern, aber ohne Zeigefinger zeichnet er ein Bild davon, was ihm möglich erscheint. Und die Moral von der Geschicht’: Statt „Nie wieder!“ müsste es heute treffender wohl „Nie wieder?“ heißen.


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