"Idole und ihre Mörder" von Connie Palmen

Thomas Askan Vierich
FALTER 11/2005

Idole und ihre Mörder
Connie Palmen
Diogenes - 2005
17,40

Anzeige


Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen wurde vor zehn Jahren von einem älteren Verehrer aufgesucht. Einem echten Fan. Der sich in ihren ersten Roman und ihr Foto verliebt hatte und ihr eröffnete: "Ich wollte Sie ermorden. Aus Liebe."

Es blieb bei der Ankündigung. John Lennon, Gianni Versace oder Pim Fortuyn hatten weniger Glück: Sie fielen Attentätern zum Opfer, die enttäuscht von ihren Idolen waren.

In ihrem klug und anschaulich geschriebenen Essay untersucht die studierte Philosophin nun, was sich aus diesen Taten über unsere Gesellschaft ablesen lässt. Und kommt dabei naturgemäß auf die Frage der Identität: Wer Schwierigkeiten hat, in der realen Welt seine Identität zu finden, sucht sie sich in der Fantasie und identifiziert sich mit seinem Idol. "Fanatismus ist selbst gewählte Unfreiheit und damit eine Entscheidung für die Freuden der Verantwortungslosigkeit."

Der Mörder von Lennon erlag dem Irrglauben, keinen Menschen, sondern bloß ein Image zu ermorden; und er hoffte, durch das gewaltsame Eindringen in das Leben dieser Berühmtheit selbst an deren Ruhm teilzuhaben. Darin liege, so Palmen, auch die "Modernität" dieser Morde. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts leben wir in einer Medienwelt, in der es immer schwieriger wird, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden: "Wir sind ungeheuer frei. (...) Wer heute zur Jacke geboren ist und nicht zum Rock kommt, ist selber schuld." Wer es nicht schafft, in diesem Spiel der Identitäten mitzuspielen, wird zum Fanatiker, der nur noch an eine Wahrheit glaubt - sei es die eines Gottes oder die der Beatles. Wenn das Idol nicht mehr dieser selbst gewählten Wahrheit entspricht, wird es ermordet.

Connie Palmen plädiert dafür, sich damit abzufinden, dass es in der modernen Welt keine eindeutigen Wahrheiten mehr gibt: "Die Sehnsucht nach dem unverfälschten Echten ist eine Sehnsucht nach starrer Eindeutigkeit, nach der Absolutheit eines Ideals und nach der Einhaltung eines von dem Ideal diktierten Regelsystems. Wer die Fiktion ermordet, ermordet zugleich etwas, das sehr wohl bluten kann."


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Der Eisvogel

    Uwe Tellkamp lässt in "Der Eisvogel" seltsame Revolutionäre sehr viel Unfug reden. So langweilig war Aufgeregtes noch nie. Und das lässt sich...
    Rezensiert von Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 11/2005
  • Einstein light

    Mit etwas Verzögerung stiegen die Verlage ins Einstein-Jahr ein. Darstellungen von Leben und Werk des Physik-Superstars gab es zwar schon genug,...
    Rezensiert von Klaus Taschwer in FALTER 11/2005
  • Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude Stein

    Früher - und teilweise auch noch heute - hat in der Feuilletonredaktion immer der Redaktionstrottel die Filmkritiken schreiben dürfen", behauptet...
    Rezensiert von Maya McKechneay in FALTER 11/2005
  • Wahnsinn

    Eine kleine Kulturgeschichte Der britische Historiker Roy Porter hat eine Kulturgeschichte des Wahnsinns und seiner Behandlung geschrieben. Einer Gesellschaft durch die Therapie...
    Rezensiert von Martin Droschke in FALTER 11/2005
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 11/2005

Anzeige


Anzeige