"Endlich Stille" von Karl Heinz Ott

Jörg Magenau
FALTER 11/2005

Endlich Stille
Roman
Karl Heinz Ott
Hoffmann und Campe - 2005
18,50

Anzeige


Karl-Heinz Ott erzählt in "Endlich still" das Drama eines Mannes, der nicht Nein sagen kann.

Als Spinoza-Experte hat man wenigstens für jede Lebenslage ein passendes Zitat. Dieses hier zum Beispiel: "Wer klar einsähe, dass er auf dem Weg des Verbrechens besser sein Leben und Wesen genießen könnte als auf dem Weg der Tugend, wäre dumm, wenn er es nicht täte."

Damit tröstet sich der Ich-Erzähler in Karl-Heinz Otts zweitem Roman "Endlich Stille", nachdem ihm die Dinge gründlich entglitten sind. Seit er eine Philosophieprofessur in Basel ergattert hat, ist seine Antriebskraft erschlafft. Freunde trifft er nur noch selten, weil das Kommunizieren so anstrengend ist. Mehr als Spinoza kann man in einem Leben sowieso nicht bewältigen. Nun aber ist er aus seinem behäbigen Dasein so weit herausgeschleudert worden, dass er Spinozas Frage nach Gut und Böse nur noch als "kleinmütigen, ans Lächerliche grenzenden Begriffsklimbim" wahrnehmen kann. Kein Zweifel: Dieser Mann hat den Boden unter den Füßen gründlich verloren.

In einem furiosen, atemlosen Monolog rekapituliert er das Geschehen der letzten Monate, von jenem unglückseligen Augenblick an, als im Straßburger Bahnhof ein Fremder an seine Seite trat, um die Treppe neben ihm hinunterzugehen, als gehörten sie zusammen. Mit der Frage "Suchen Sie auch ein Hotel?" stellt der Fremde den Kontakt her und sich als Friedrich vor, behauptet, Musiker zu sein, und hört überhaupt nicht mehr auf zu reden. Er schwitzt stark, hat fettiges Haar und trägt einen Hut, den er im Restaurant gerne mitten auf den Tisch legt. Mit solchen Leuten möchte man eigentlich nicht speisen und auch ansonsten nichts zu tun haben. Doch der Erzähler wird ihn nicht wieder los: Ein paar Wochen später steht dieser Friedrich mit zwei riesigen Koffern vor seiner Wohnungstür, quartiert sich bei ihm ein, vertreibt ihn mit seinem animalischen Schnarchen aus dem Bett und bald auch aus der Wohnung. Das Drama vom Ichzerfall und Kontrollverlust eines Mannes, der nicht Nein sagen kann, nimmt seinen Lauf.

Dabei weiß der Erzähler um seine Schwäche und versucht, seinem Schicksal trickreich zu entkommen. In Amsterdam hat er sogar kurz zuvor ein Buch mit dem Titel "Sechzehn Wege, das Nein zu vermeiden" erworben - ein aus dem Japanischen übersetzter Ratgeber für Wirtschaftsfachleute. Doch weil er kein Holländisch beherrscht, bleibt ihm die filigrane Kunst der Verweigerung und der Negation versagt.

Karl-Heinz Ott, 1957 im schwäbischen Ehingen geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft. Er arbeitete als Dramaturg am Theater in Freiburg und in Basel. In seiner musikalischen, weit ausschwingenden Prosa kommen all diese Erfahrungen zum Ausdruck. Von der ersten Zeile an schafft er eine dramatische Spannung, die sich immer weiter steigert, auch wenn die Bühne der Ereignisse bloß die Innenwelt des wehrlosen Philosophen ist. "Endlich Stille" ist ein Psychothriller mit leisem Beginn und langanhaltendem Crescendo bis zum polternden Finale.

Ganz nebenbei schreibt Ott auch noch einen Heimatroman, der sich vom Beginn in Holland über Straßburg und Basel immer weiter rheinaufwärts bis hinauf zum Ursprung in den Alpen vorarbeitet. Dort ist der Erzähler dann auch in der Lage, seine Vorstellung vom Glück zu formulieren: unbehelligt in Basel auf einer Bank am Rhein zu sitzen und den Frauen und den Joggern nachzuschauen. "Mit sich allein inmitten unter Leuten" - und ohne die Not, Nein sagen zu müssen.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • WANT TWO

    Neigungsgruppe Narzissmus Rufus Wainwright, Antony, Patrick Wolf und Louis Philippe: Neues von vier Songwritern mit spektakulären Stimmen und...
    Rezensiert von in FALTER 11/2005
  • Albert Einstein

    Mit etwas Verzögerung stiegen die Verlage ins Einstein-Jahr ein. Darstellungen von Leben und Werk des Physik-Superstars gab es zwar schon genug,...
    Rezensiert von Klaus Taschwer in FALTER 11/2005
  • Giganten des Jazz

    Während die Wiener Free-Jazz-Pioniere in den Sechzigerjahren mit handgreiflichem Widerstand zu rechnen hatte, war zur selben Zeit in New York...
    Rezensiert von Klaus Taschwer in FALTER 11/2005
  • Der Vogel ist krank

    Vier Holländer, vier Romane, 1400 Seiten über die Liebe, das Leben, den Tod. Die niederländische Literatur ist, sieht man von der angloamerikanischen...
    Rezensiert von Thomas Askan Vierich in FALTER 11/2005
  • Kleine Geschichte der Vergangenheit

    Eine pyrrhonische Skizze der historischen Vernunft Rudolf Burger kritisiert die Erinnerungssucht der Gegenwart und spricht der Geschichte ihren Sinn ab - nicht immer mit tauglichen Mitteln. Der...
    Rezensiert von Stephan Steiner in FALTER 11/2005
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 11/2005

Anzeige


Anzeige