"Die männliche Herrschaft" von Pierre Bourdieu, Jürgen Bolder

Nicole Scheyerer
FALTER 11/2005

Die männliche Herrschaft
Pierre Bourdieu, Jürgen Bolder
Suhrkamp - 2005
0,00

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Endlich ist das lange angekündigte Buch "Die männliche Herrschaft" von Pierre Bourdieu erschienen. Das Warten hat sich aber leider nur wenig gelohnt.

Der 2002 verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinem umfangreichen Werk alle möglichen Bereiche der Gesellschaft analysiert, die Kunst ebenso wie die Universität, das Fernsehen ebenso wie das Erziehungssystem. Das Geschlechterverhältnis wird in diesen detaillierten Studien nur marginal zum Thema. "Klasse schlägt Geschlecht" heißt es auch für den an Karl Marx, Max Weber und Ernst Cassirer geschulten Denker, oder anders formuliert: Die sozialen Ungleichheiten wiegen für Bourdieu schwerer als die Benachteiligungen durch das asymmetrische Mann-Frau-Verhältnis.

Dennoch entschloss sich der Soziologe 1998, ein eigenes Buch über die Geschlechterfrage zu verfassen. Die Abhandlung "Die männliche Herrschaft" basiert auf den frühen ethnografischen Studien des Soziologen. Ab Mitte der Fünfzigerjahre hatte er sich in Algerien aufgehalten, wo der studierte Philosoph zur empirischen Sozialwissenschaft konvertierte, indem er erste Untersuchungen über die Kultur der kabylischen Berber anstellte.

Bourdieu nimmt deren Sozialstruktur als Modell der androzentrischen, also der männerdominierten Gesellschaft schlechthin. Die Organisation des Lebens verläuft bei den algerischen Bergbauern über ein System von Gegensätzen wie hoch/tief, trocken/feucht, draußen/drinnen und so fort, wobei die unvorteilhaften Eigenschaften stets den Frauen zugeordnet sind. Diese Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata sind als "Habitus" gespeichert und erweisen sich als äußerst resistent gegenüber Veränderung. Bourdieu dehnt sein Habituskonzept einfach auf die Geschlechtszugehörigkeit aus und bleibt damit enttäuschend unspezifisch.

Was dem Feminismus fehle, meint Bourdieu, wäre der von ihm selbst entwickelte Begriff der "symbolischen Gewalt". Darunter ist kein bloß geistiger Zwang ohne reale Auswirkungen zu verstehen. Symbolische Gewalt meint die Einprägung von Herrschaftsverhältnissen auf schleichende, indirekte Weise: etwa über sprachliche Strukturen, die Mensch und Mann gleichsetzen. Die wesentliche Eigenschaft der symbolischen Gewalt besteht darin, dass die Beherrschten die Welt (inklusive sich selbst) nur mit den Augen der Herrschenden sehen können. Ein Beispiel dafür wäre, dass sich Frauen immer noch einen größeren und älteren Mann als Partner wünschen: Aufgrund der sozialen Normen, "können die Frauen nur einen Mann wollen und lieben, dessen Würde durch den Umstand, dass er sie sichtlich überragt', klar bezeugt ist."

Bourdieus Buch hat leider wenig Neues zu bieten. Schon 1997 gaben Irene Dölling und Beate Krais in der edition suhrkamp den spannenden Sammelband "Ein alltägliches Spiel" heraus, in dem sich eine konzisere Kurzversion von "Die männliche Herrschaft" sowie ein Interview mit Bourdieu findet. Die Überlegungen des französischen Wissenschaftlers finden sich dort eingebettet in Aufsätze, die praktische soziologische Anwendungen seiner Theorien diskutierten. Bleibt nur zu hoffen, dass die lange erwartete Übersetzung von "Die männliche Herrschaft" wenigstens der feministischen Bourdieu-Debatte neuen Schwung verleiht.Seit 1968 haben sich sozialwissenschaftliche Theorieströmungen in einem Tempo wie einst die -ismen der künstlerischen Avantgarde abgelöst. Durch die "Neue Unübersichtlichkeit" oder "Postmoderne" wurde der Wahrheitsbegriff gehörig aufgeweicht. Im Vergleich zu den politisierten Siebzigerjahren haben die Humanwissenschaften heute eindeutig an gesellschaftlicher Bedeutung verloren. Diese Entwicklung führt der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch auf den dramatischen Funktionsverlust der Universität zurück: Die Medien haben dem traditionellen Ort des Diskurses den Rang abgelaufen. Erst über die mediale Präsenz fand der "Re-Import" relevanter Themen an den Hochschulen statt - siehe Gender-Studies. Naturwissenschaftliches Expertenwissen wiegt heute mehr und stellt sich gleichzeitig für den Laien viel unzugänglicher dar.

Der 11. September habe jedoch wieder einen leichten Shift zugunsten von humanwissenschaftlichen Erklärungsmodellen gebracht, meint Hörisch. Die von ihm vorgelegte "Theorie-Apotheke" bietet einen flott geschriebenen Überblick über Schulen und Schlagwörter (z.B. zu Bourdieu, Cultural Studies, Systemtheorie, Iconic Turn). Der "apothekarische Wahrheitsbegriff" kenne eine Fülle von Heilmitteln. Hörisch empfiehlt Theorien als Arzneien für Probleme, er informiert über Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Die Suche nach dem "Heil" letztgültiger Wahrheiten soll von einer fröhlichen Wissenschaft abgelöst werden.


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