"Steinkind" von Robert Haasnoot, Christiane Kuby

Thomas Askan Vierich
FALTER 11/2005

Steinkind
Robert Haasnoot, Christiane Kuby
Berlin - 2005
0,00

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Vier Holländer, vier Romane, 1400 Seiten über die Liebe, das Leben, den Tod.

Die niederländische Literatur ist, sieht man von der angloamerikanischen ab, im deutschen Sprachraum präsent wie kaum eine andere. Im Windschatten von Erfolgsautoren wie Harry Mulisch, Maarten 't Hart, Margriet de Moor, Cees Nootebom oder Leon de Winter werden immer mehr niederländische Autoren übersetzt. Dass dieser Trend dann nicht immer durch entsprechende literarische Qualität gedeckt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ein pubertierender, etwas zurückgebliebener Junge beobachtet, wie seine angetrunkenen Eltern verliebt in den Nordseedünen verschwinden - und nie wiederkehren. Der Junge trauert, leidet an Schuldgefühlen und beobachtet mit steigendem Widerwillen, wie sein älterer Bruder Besitz von Haus und Geschäft des Vaters ergreift. Mit anfänglich sehr geglückten Sprachbildern erzählt Robert Haasnoot, Jahrgang 1961, in "Steinkind" aus der Ichperspektive des 15-Jährigen. Im Verlauf des Romans verliert die Sprache jedoch an poetischer Kraft. Auch die blassen kriminalistischen Spuren können die Spannung nicht lange aufrechterhalten.

Immer wieder am Strand, vor allem aber in Amsterdam spielt der voluminöse Liebesroman von Oek de Jong, Jahrgang 1952, seit seinem Roman "Ein Kreis im Gras" auch international bekannt. Der Roman mit dem auf Deutsch irreführend reißerischen Titel "In der äußersten Finsternis" hat in den Niederlanden und Frankreich euphorische Reaktionen ausgelöst. Erzählt wird von der Liebe der jungen, etwas naiven Lin zu zwei Männern: dem acht Jahre älteren proletarischen Einzelgänger Henri und dem kultivierten und zärtlichen Jelmer. Henri ist ein Macho mit dämonischer Ausstrahlung. Immer wieder versucht Lin, ihn zu verlassen, immer wieder kehrt sie zu ihm zurück. Jelmer scheint Lin zunächst vor dem zerstörerischen Henri retten zu können. Er bringt Stabilität in ihr Leben, in das Henri tiefe Wunden geschlagen hat. Doch als Lin ihn wiederholt mit Henri betrügt, verstößt er sie.

Das zieht sich über einige Jahre und viele Seiten hin. De Jong beschreibt die dunkle Seite der Liebe, und es gelingen ihm wiederholt sehr sinnliche Beschreibungen des Liebesakts. Nur leider ist die schüchterne Lin eine doch eher blasse Figur. Erst im letzten Drittel des Romans rückt ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem grobschlächtigen, verschlossenen Vater ins Zentrum der Handlung und macht klar, dass hier der Schlüssel zu ihrem Problem mit Männern liegt. Der unfähige Vater als Bremsklotz im Liebesleben der erwachsenen Tochter ist zwar kein wirklich neues Motiv, wird aber von Oek de Jong virtuos und bis in alle Verästelungen durchgespielt. Wäre der Roman nur halb so dick, wäre es ein wirklich tolles Buch.

Kürzer, knackiger und origineller fällt Joost Zwagermans zweiter Anlauf aus, den deutschsprachigen Buchmarkt zu erobern: Mit leisem Witz und großem Realismus stellt uns der 42-jährige Autor ein seltsames Pärchen vor: Onkel Siem und sein Neffe Justus geben gemeinsam einen zweitklassigen Hotelführer heraus und ziehen deshalb durch die niederländische Provinz. Onkel Siems Geschäftsidee ist simpel: Zunächst verreißt er die von ihm besuchten Hotels per Fax, lässt aber durchblicken, dass er bei Schaltung eines Inserates durchaus willens wäre, seine Kritik freundlicher ausfallen zu lassen.

Dann begeht der Lebenskünstler Siem völlig überraschend Selbstmord - und lässt nicht nur seine Frau, sondern vor allem auch seinen Ziehsohn Justus ratlos und tief verletzt zurück. Justus ist gezwungen, auch die Schattenseiten seines geliebten Onkels zur Kenntnis zu nehmen. Aus einer charmanten Erzählung wird so eine kluge Betrachtung über das Unheil, das ein Selbstmord bei den Hinterbliebenen anrichtet. Von Jost Zwagerman möchte man schon bald mehr lesen!

Das dachte man sich bislang auch vom erst 34-jährigen Arnon Grünberg, dem Enfant terrible der niederländischen Literaturszene. Doch sein neuer Roman, der nicht in den Niederlanden, sondern in Palästina und Göttingen spielt, entpuppt sich leider als blutleere Studie über den Nihilismus in Romanform. Held ist ein ehemaliger Schriftsteller, der als Übersetzer von Gebrauchsanweisungen sein Auskommen findet. Er lebt mit einer Frau zusammen, die er zwar "meine Frau" nennt, mit der er aber weder verheiratet ist noch Sex hat. Trotzdem liebt er sie. Den Sex holt er sich regelmäßig in einem drittklassigen Puff. Freunde hat er keine.

Seiner Frau reicht diese anerotische Beziehung nicht. Sie versucht ihren lethargischen Partner immer wieder erfolglos zu provozieren. Als sie unheilbar krank wird, heiratet sie einen jungen Asylbewerber, um ihrem Leben noch einen Sinn zu geben - und einen Algerier vor der Abschiebung zu bewahren. Ihr wirklicher "Mann" fungiert als Trauzeuge und hat auch nichts dagegen, dass der Algerier ihn aus dem Ehebett verdrängt. Er schläft fortan auf dem Sofa. Er hat sich innerlich so weit vom Leben zurückgezogen, dass ihn nichts mehr wirklich berührt.

So liest man dahin, freut sich, wie immer bei Grünberg, über manch seltsamen Dialog und fragt sich, worauf das alles hinauslaufen soll. Es läuft auf nichts hinaus. Grünberg wollte uns vorführen, "von wie viel man sich verabschieden kann, bevor das Leben aufhört, Leben zu sein".

Grünbergs frühere Romane waren witziger, luftiger - und klüger. Das Einzige, was einen immer weiter lesen lässt, ist die irritierende Nüchternheit, mit der Grünberg das skurrile Geschehen schildert. Zwischen den Zeilen lauert die ganze Zeit ein großer Schmerz - über ein verpasstes Leben, verletzte Gefühle, die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Doch der Schmerz bleibt zu vage in diesem bei aller Virtuosität dürren Gedankenspiel.


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