Das Alte Testament der Macht

"Der Fürst" von Niccolò Machiavelli, Horst Günther

Benedikt Narodoslawsky
FALTER 41/2017

Der Fürst
Niccolò Machiavelli, Horst Günther
Insel Verlag - 1990
7,80

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„Der Fürst“ von Niccolò Machiavelli gehört zum Kanon der Macht, er hat die Politikwissenschaft nachhaltig geprägt. Der Duden beschreibt das Wort Machiavellismus heute als „politische Lehre und Praxis, die der Machtpolitik den Vorrang vor der Moral gibt“. „Der Fürst“ ist gerade in diesem Wahlkampf eine lohnende Lektüre.
Zum Hintergrund: Als das Buch im Jahr 1532 erschien, war sein Autor längst tot. Machiavelli hatte es bereits zwei Jahrzehnte zuvor für Lorenzo Medici geschrieben. Also ausgerechnet für einen Spross jenes Adelsgeschlechts, das den einst mächtigen Politiker Machiavelli nach dem Sturz der Repu­blik Florenz all seiner Ämter enthoben, foltern lassen und aus Florenz vertrieben hatte. Dennoch gab der entmachtete Machiavelli der Familie seiner einstigen Peiniger mit „Der Fürst“ eine eiskalte Anleitung zur Machtergreifung und zum Machterhalt in die Hand. Vordergründig verfolgte er damit ein großes Ziel: Die Medici sollten „Italien von den Barbaren befreien“. Das Land war kraftlos und zum Spielball eines französisch-spanischen Machtkampfes geworden. Machiavellis hintergründiges Ziel: Er wollte sich für neue Ämter empfehlen – und wieder an die Macht.
In „Der Fürst“ erklärte Machiavelli das Handwerk der Politik anhand historischer Herrscher wie Theseus, Darius, Cäsar oder Hannibal sowie der Mächtigen seiner Zeit. Er schrieb ebenso deskriptiv wie zynisch und räumte mit dem Bild des edelmütigen Herrschers schonungslos auf. „Ein kluger Fürst kann und darf sein Wort nicht halten, wenn dessen Erfüllung sich gegen ihn selbst kehren würde“, schreibt er, „einem Fürsten kann es nie an Vorwand fehlen, seinen Wortbruch zu beschönigen.“
Manches mag sich seit Machiavelli grundlegend geändert haben, die Fürs­tenstaaten haben sich ebenso überlebt wie die Art der Kriegsführung. Wer aber das Alte Testament der Macht in der heißen Phase des österreichischen Wahlkampfes liest, merkt, wie beständig sich viele Regeln des 500 Jahre alten Buchs gehalten haben.
Etwa wenn Machiavelli vor Söldnertruppen warnt und erklärt, nur mit eigenen Truppen seien Schlachten zu gewinnen. Denn: „Gemietete Mannschaft und Hilfstruppen sind unnütz und gefährlich. Wer seine Herrschaft durch Mietlinge zu schützen gedenkt, steht nicht fest und kann nie sicher sein, weil diese unter sich uneins, unbändig, ohne Disziplin, untreu, übermütig gegen ihre Freunde, feig gegen die Feinde sind, Gott nicht fürchten und treulos gegen die Menschen handeln. Der Untergang wird also nur bis dahin aufgeschoben, wo ein Angriff erfolgt“.
Während mancher Spitzenkandidat „Der Fürst“ offenbar noch nicht zur Hand genommen hat, könnte es für manch anderen als Handbuch gedient haben. „Ich wage zu behaupten, dass es sehr nachteilig ist, stets redlich zu sein; aber fromm, treu, menschlich, gottesfürchtig, redlich zu scheinen ist sehr nützlich“, erklärt Machiavelli, „die Menschen urteilen im Ganzen mehr nach den Augen als nach dem Gefühle. Die Augen hat jeder offen; wenige haben richtiges Gefühl. Jeder sieht, was du zu sein scheinst; wenige merken, wie du beschaffen bist.“


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