Schwerer Dach- und Wasserschaden

"Wasser atmen" von Elisabeth Klar

Helmut Gollner
FALTER 41/2017

Wasser atmen
Elisabeth Klar
Residenz - 2017
24,00

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In ihrem zweiten Roman „Wasser atmen“ liefert Elisabeth Klar ein beklemmendes Doppelporträt zweier weltfremder Frauen

Elisabeth Klar ist schon mit der Qualität ihres Erstlings „Wie im Wald“ aufgefallen. In ihrem Nachfolger „Wasser atmen“ nun legt sie aus kleinsten Steinchen ein großes Bewusstseinsmosaik zweier Frauen an, die am Untergehen sind. Entsprechend finden sich Wasser und Wassermetaphern überall. Die Welt hat ein unerträgliches Gewicht, und aus Lebens- und Sozialangst verweigern sich beide Frauen dem Eindringen der Mitmenschen – auch im wörtlichen Sinne: Das Buch ist absolut sexfrei.
Erika ist Professorin für Bioakustik (sie hört tierische Stimmen ab, vor allem im Meer) und hat für ein Jahr einen Forschungsauftrag in der Antarktis angenommen. Obwohl beruflich erfolgreich leidet sie an ständigen Zwangsgrübeleien und habituellen Selbstzweifeln. Vor den anderen imitiert sie ein Standardleben, legt aber zum Selbstschutz „Eis zwischen sich und den Rest“. Von der japanischen Kampfsportart Aikido, die sie betreibt erhofft sie sich Lebensschulung, und ins Wasser taucht sie bis zur Frage, ob sie wieder auftauchen soll: „Wo ist die feste Wand, die da sein sollte, zwischen einem Gedanken, einer Idee, und dem, was sie dann tut?“
Judith ist Erikas Studentin, kommt aus der Musikwissenschaft. Auch sie muss Lebensfähigkeit imitieren (vor der Familie), verfügt aber noch weniger über ein welttaugliches Ich als Erika, ist bis zum Grund ihrer Persönlichkeit voll Misstrauen gegen sich und andere. Ihre Halluzinationen, Folgen der Schizophrenie, sind auch eine Reaktion auf ihre Problem. Judith hat sich entschlossen, ihre linke Hand zur Faust zu schließen und nie mehr zu öffnen – als Schutz gegen Eindringlinge, die sie „ausnehmen wollen“; „beim kleinen Finger, der den Hohlraum abschließen soll, ist ein Spalt geblieben. Dort kann man ein wenig ins Innere sehen.“

Judith ist vom Wasser ebenso fasziniert wie Erika, nur halluzinatorisch befreit und verstärkt: Wasser tritt aus den Wänden ihrer Wohnung, verschlammt den Boden, „draußen rostet die Welt“. In ihrem Innern vernimmt sie eine Stimme, gegen deren Aufforderung zum völligen Rückzug sie sich zunächst noch wehrt.
Mehr noch als die Bioakustikerin Erika ist die Musikstudentin Judith den Tönen und Geräuschen um sich ausgeliefert. Die Welt ist „ein Gespinst aus Lauten“, sie selbst zwanghaft am Horchen. Judith kennt natürlich John Cages Stück „Music of Changes“, bei dem die Tonfolge durch Münzwurf entschieden wird. Kein Ton verursacht den nächsten, das Fehlen eines Zusammenhangs nimmt der Musik alle Bedeutung.
Judith kann den Zerfall ihrer Welt also musiktheoretisch beschreiben: „Das hier ist keine Melodie.“ Unter der Herrschaft des Zufalls braucht man keine Erwartungen zu hegen und kann nichts verpassen: „Kein Ton fürchtet die Stille, die seinen Platz einnimmt. Es ist ihm ganz gleich“, ergo: „Hier gibt es nichts zu tun.“
Obwohl sie beide sozial blockiert sind, ziehen beiden Frauen einander an. Dennoch bittet Judith Erika vergeblich um Hilfe, vergeblich. Erika beneidet Judith um die Radikalität ihres Wahns.
Die Judith-Kapitel sind literarisch kühner, weil sie ein ver-rücktes Bewusstsein protokollieren. Das befreit die Bilder von der Wirklichkeit und mitunter auch die Sätze von ihrer Kohärenz. Der Verlust der „Normalität“ kommt – so sah Leo Navratil die Art brut aus Gugging – der Kreativität des Künstlers entgegen, weil er diese nicht erst durchbrechen muss.
„Wasser atmen“ ist ein langer und intensiver Roman, dem es meistens gelingt, seine Intensität auf weite Strecken aufrecht zu halten. Detailversessen genau liefert er Psychominiaturen, bis in den Halbschlaf und den Traum vordringende Bewusstseinsprotokolle, haarfeine Kommunikations- und Verhaltensbeobachtungen.
Was Klar mit nimmermüder Schreibkraft beschreibt, bleibt konsequent unkommentiert: Kein: „So heißt das“ (z.B. Schizophrenie), und schon gar kein: „Warum ist das so?“ oder „So soll das (nicht) sein“, sondern: „So ist das.“


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