Auf der Suche nach der Quelle der Flüsse und des Ichs

"Die Fischtreppe" von Katharine Norbury

Julia Kospach
FALTER 41/2017

Die Fischtreppe
Eine Reise flussaufwärts
Katharine Norbury
Matthes & Seitz Berlin - 2017
22,70

Anzeige


In „Die Fischtreppe“ verbindet Katharine Norbury Selbstfindung und Naturschilderung auf überaus überzeugende Weise

Am Crosby Beach im Norden von Liverpool, wo der Fluss Mersey ins Meer mündet, findet sich die Installation „Another Place“ des Bildhauers Antony Gormley. 100 lebensgroße Metallmänner, großzügig verteilt über fast zwei Quadratkilometer, stehen da und blicken hinaus auf die Irische See: von Ebbe und Flut umspült, teils halb im Sand versunken, teils bewachsen oder angesprayt, den Blick unverwandt auf den Horizont und das Unbekannte dahinter gerichtet.
Just unweit der 100 „Antonys“ kam Katharine Norbury vor ein paar Jahren auf die Idee, einen Passanten zu fragen, ob in der Gegend einmal ein Krankenhaus gestanden habe. Norbury, Londoner Dramaturgin für Film und Fernsehen, hielt sich gerade beruflich in Liverpool auf. An dem Tag befiel sie eine Ahnung, verspürte sie „ein Ziehen, ein Zerren, als lausche etwas“, und alles schien ihr eigentümlich vertraut.

Und tatsächlich findet sie in der Nähe des Strands jenes Kloster, das früher auch ein Spital gewesen war. Die Schwestern dort erinnern sich noch an das neugeborene Mädchen, das von seiner leiblichen Mutter abgegeben wurde: Es war Katharine Norbury selbst gewesen. Sie war bei liebevollen Adoptiveltern aufgewachsen und hatte doch zeitlebens den Eindruck, keinen Ausgangspunkt zu haben, „von dem aus ich mein Narrativ konstruieren konnte“.
Norburys Debüt „Die Fischtreppe“ erzählt die Geschichte dieser hollywoodesken Ursprungssuche und bettet diese ein in die Schilderungen zahlreicher Fußwanderungen – auf Berge und an Strände, entlang von Fluss- und Bachläufen. In Südspanien und England, vor allem aber auf der herben Halbinsel Llyn im Nordwesten von Wales, wo die Autorin mit Mann und Tochter ein Ferienhäuschen in Küstennähe bewohnt, und entlang des Flusses Dunbeath Water in den schottischen Highlands. Norbury liefert nature writing at its best, abwechslungsreich und spannend, präzise in den Beobachtungen, makellos schön und poetisch in den Formulierungen.
Das Buch folgt den langsamen, schicksalsbedingten Suchbewegungen der Protagonistin. Es geht um Trauer und Verlust, um Antworten und den Trost, den die Natur manchen Menschen vor allem dort gewährt, wo sie menschenleer ist.
Inspiriert werden die verschlungenen Wege, die Norbury beschreitet, von der ebenso romantischen wie kulturhistorisch ergiebigen Idee, „dass es einen Quell am Ende der Welt gab, voller Weisheit und Antworten, und dass ich ihn suchen konnte“. Auf vielen Ebenen spielt das Buch mit den Assoziationen von Begriffen wie Quelle und Herkunft, Fluss- und Lebenslauf, Windung und Spiegelung. Walisische Sagen und keltische Mythen kommen der Wanderin dabei ebenso unter wie Landmarken, Pflanzen oder ein Dorf, in dem noch in den 1950er-Jahren an jedem Backtag auch den Elfen etwas hingestellt wurde. Oft ist Norbury allein unterwegs, oft gemeinsam mit ihrer Tochter Evie, die einen ebenso ruhigen und genauen Forscherblick auf die Natur besitzt wie ihre Mutter.

Der Weg zu einem stillen Quellteich in den regnerischen schottischen Highlands ist Höhepunkt und Ziel von Norburys vielen Teilstrecken-Wanderungen zwischen Flussmündungen und -quellen. Sie übernachtet im Schlafsack im weichen Torf unterhalb der Ebene des offenen Moorlands, als beim Erwachen ein Hirsch direkt an ihrem Kopf steht, „dort, wo sein Körper war, war die Dunkelheit tiefer“. Sie wandert im Morgennebel und im leichten Sommerregen weiter und findet statt einer blubbernden Quelle einen spiegelglatten Teich als Ursprung des Bachlaufs, dem sie gefolgt ist. „Salzweiße Steine lagen an einem Ufer mit pulvrigem, kristallenem Sand, sauber und ohne jegliche Spuren, der Torf färbte das Wasser korkbraun. Die Oberfläche war vollkommen unbewegt, keine kräuselige Welle, keine Fliege.“ Die Oberfläche ist so schön, dass Norbury sie nicht zerstören will. „Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie lange es dauern würde, bis die Stille des Teichs wieder hergestellt sein würde. Und dennoch: Der Regen machte es ja die ganze Zeit.“


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Die rothaarige Frau

    Roman In „Die rothaarige Frau“ rekapituliert Orhan Pamuk antike Stoffe und die jüngste Geschichte der Türkei Ein paar Meter sind es zunächst nur, und...
    Rezensiert von Ulrich Rüdenauer in FALTER 41/2017
  • Das Ende

    In seinem Roman „Das Ende“ schildert Attila Bartis den ungarischen Gulaschkommunismus als bleierne Zeit Drei Menschen hätten über sein Leben...
    Rezensiert von Christoph Bartmann in FALTER 41/2017
  • Ich bleib in der Stadt und verreise

    Vom Gehen und Verweilen in Wien Stadtforschung: Oskar Aichinger und Peter Payer erkunden ihre Wahlheimat Wien und deren Geschichte Weit weg fahren? Nicht notwendig. Wien wartet...
    Rezensiert von Alfred Pfoser in FALTER 41/2017
  • Bong Appetit

    Kochen mit Cannabis Kann sein, dass sie sich nicht mehr so gut verkaufen. Gute Kochbücher erscheinen noch immer. Eine Auswahl Das erste hier empfohlene Kochbuch...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 41/2017
  • Frankenstein

    oder Der moderne Prometheus. Roman Die Urfassung von Mary Shelleys Klassiker offenbart ein Grauen, das über das wohlige Gruseln weit hinausgeht „Ich war entzückt, als ich erstmals...
    Rezensiert von Jutta Person in FALTER 41/2017
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 41/2017

Anzeige


Anzeige