Individuelle Leistung gibt es nicht

"Die Erfindung der Leistung" von Nina Verheyen

Florian Baranyi
FALTER 11/2018

Die Erfindung der Leistung
Nina Verheyen
Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2018
€ 23,70

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Sozialgeschichte: Nina Verheyen analysiert den Mythos und die Janusköpfigkeit des modernen Leistungsbegriffs

Der Leistungsgedanke geistert als Movens und Argument durch die Arbeitswelt und sozialpolitische Debatten. Wer mehr leiste, besetze bessere Positionen, habe ein höheres Einkommen und verdiene sich mehr Lebensglück, so der Tenor. Die Historikerin Nina Verheyen forscht an der Universität zu Köln und verfasst eine Habilitation zur Leistungsdebatte in Deutschland um 1900. Mit diesem Wissenstand hat sie sich darangemacht, ein wissenschaftlich fundiertes und eingängig erzähltes Sachbuch zu schreiben – ein Spagat, der in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften herzlich selten gelingt. Verheyen macht mit Begriffen aus Soziologie, Diskursanalyse und Gefühlsgeschichte etwas deutlich: So etwas wie reine individuelle Leistung gibt es nicht und hat es nie gegeben.

Vielmehr bedingen kulturelle Parameter und Übereinkünfte, wer eine Leistung für sich verbuchen darf und wer nicht. Dass es mehrheitlich noch immer weiße Männer aus der oberen Mittelschicht und Oberschicht sind, die sich gesellschaftlich wirkmächtig als Leistungsträger stilisieren, ist kein neuer Befund. Wie ambivalent der Leistungsbegriff als Leitmotiv unserer modernen Meritokratien ist, versteht man nach der Lektüre von „Die Erfindung der Leistung“ aber um einiges besser. So fungiert die Zuschreibung von besonderer individueller Leistung als Taktik zum Machterhalt von Eliten. Aber auch die Leistungskritik in der aktuellen Ratgeberliteratur kann eine versteckte antiemanzipatorische Funktion einnehmen. Denn wer dauergestressten, 60 Wochenstunden arbeitenden jungen Frauen auf dem Weg in die Spitzenpositionen rät, mal kürzerzutreten und das Leben zu genießen, zementiert unter Umständen die gegebenen Machtverhältnisse.
Nina Verheyen analysiert diese „Janusköpfigkeit“ des Leistungsbegriffs in historischen Rückgriffen bis zum Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts, wobei sie auf die Felder Bildung und Wissenschaft, Wirtschaft, Familie, Medizin und Sport eingeht. Um 1900 konstatiert sie im Bildungsbereich ein Auftreten von „Leistungsgefühlen“, das sich auch literarisch bei Frank Wedekind und Hermann Hesse niederschlug. Der schulische Leistungsdruck paarte sich hier mit der Möglichkeit sozialer Durchlässigkeit, weshalb vielen Schülern die Ambitionen ihrer Eltern zum Verhängnis wurden.
Verheyen holt hier weiter aus und zitiert einerseits die Parole zur Leistung im „Kampf um das Dasein“ durch den preußischen König Wilhelm, andererseits aber auch Kritiker des Leistungsdrucks, die versuchten, Frauen und Kinder der unteren Schichten von der Universitätsbildung auszuschließen. So macht sie sinnfällig, „dass es für jede vermeintlich individuelle Leistung eines stützenden Umfeldes bedarf, dessen Existenz nicht bloß eine Frage persönlichen Glücks ist“. Vielmehr stehen dahinter „historisch gewachsene Strukturen, die um 1900 tendenziell Männer zum Leistungsträger stilisierten, während Frauen von vornherein zum ,Umfeld‘ zählten.“

Wie opportun die scheinbar objektive Größe „Leistung“ für die politische Strategie stets war, beleuchtet Verheyen am Beispiel Frankreichs. Die Revolution hatte einen Modus, die Bewerber der École polytechnique rein nach ihrer mathematisch-technischen Begabung zu rekrutieren. Als Napoleon an die Macht kam, führte er Studiengebühren ein und ließ die Bewerber zusätzlich auf Lateinkenntnisse prüfen, wodurch sich die Studentenschaft schnell wieder homogenisierte und aus Abkömmlingen der alten Eliten bestand. Die Geschichte des Leistungsbegriffs ist in der historischen Rückschau eine Geschichte von Exklusions- und Inklusionsmechanismen, die als Objektivität getarnt werden. Genau so verhält es sich bei Schulnoten und IQ-Tests, wie Verheyen geschickt rekonstruiert.
Freilich gibt es für jede Zeit spezifische Konstellationen des Leistungsbegriffes. So legt die Autorin beispielsweise dar, dass um 1900 noch immer ein mechanistisches Körpermodell in der Medizin vorherrschte. Der Mensch sei eine Maschine, so das Bild. Das Spannende daran: Eine Maschine hat eine festgesetzte Höchstleistung. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ging die Modellbildung der Medizin mit dem Gedanken der schrankenlosen Leistungssteigerung Hand in Hand.

Seit der Entdeckung der Hormone wird beispielsweise im Spitzensport – auch dieser ist ein Produkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts – versucht, dieses Wissen zur legalen und illegalen Leistungssteigerung im Wettbewerb einzusetzen. Die Autorin verfolgt den Gedanken der grenzenlosen Leistungsoptimierung vom Sport über den Fordismus bis zu den Selbstoptimierern unserer Gegenwart. Dabei spart sie auch die dunkle Seite der Leistungssteigerung und Rationalisierung im ideologischen Kern des Nationalsozialismus nicht aus.
Das Buch schließt mit einer differenzierten Betrachtung der aktuellen Leistungskritik in Ratgebern – und erinnert dabei daran, dass viele der Finde-deine-Anerkennung-in-dir-selbst-Argumente nur von einer kleinen Elite gelebt werden können. Verheyens Conclusio: „Individuelle Leistung lässt sich nicht objektiv messen, sehr wohl aber gemeinsam ermöglichen und gemeinsam zuordnen, sie ist keine Kategorie der Physik, sondern genuin sozial.“ Wir können die Idee der persönlichen Leistung also als „politischen Hebel“ nutzen und bei unseren täglichen Leistungszuschreibungen mitberücksichtigen, wie viel das Umfeld mitgespielt hat.
Nina Verheyen ist ein wundervolles Beispiel gelungen, historische Forschung in ein anregendes und verständliches Sachbuch zu übersetzen. Ihre Analyse hat stets Perspektive und gerät nie zur Faktenhuberei. „Die Erfindung der Leistung“ lädt zum Weiterdenken ein.


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