Arztroman ohne Kitsch

"Bevor wir verschwinden" von David Fuchs

Sebastian Fasthuber
FALTER 33/2018

Bevor wir verschwinden
Roman
David Fuchs
Haymon Verlag - 2018
19,90

Anzeige


Oberarzt David Fuchs erzählt in seinem Debütroman von einem Medizinstudenten und dessen todkranken Freund

Autoren und Ärzte seien beide „Fachleute für menschliche Leiden“, schrieb Marcel Reich-Ranicki einmal. Insofern ist es kein Wunder, dass die Literaturgeschichte voll von schreibenden Ärzten ist. Die Reihe reicht von Tschechow („Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte“) über Somerset Maugham („Ich kenne keine bessere Schulung für den Schriftsteller, als einige Jahre den Beruf eines Arztes auszuüben“) bis zu Schnitzler („Medizin ist eine Weltanschauung“). Schiller, Büchner,
Keats, Céline, Döblin und Benn gehören ebenfalls dazu.

Gut, früher konnte man praktisch nur auf Arzt, Jurist, Pfarrer oder Lehrer studieren. Mit der Zeit wurden die Mediziner, die literarisch tätig sind, denn auch seltener. Aber es gibt sie noch. Paulus Hochgatterer gelingt seit langem der Spagat, Kinder- und Jugendpsychiater und gleichzeitig ein sehr guter Autor zu sein. Sein deutscher Kollege Uwe Tellkamp war als Unfallchirurg tätig, ehe er ganz auf die Literatur setzte. Popliterat Rainald Goetz entschied sich nach einem Arbeitsjahr auf der Psychiatrie gegen den Arztberuf, sein Debütroman „Irre“ handelt davon.

Der Liste ist nun David Fuchs (Jg. 1981) hinzuzufügen. Er ist Onkologe im Linzer Kepler-Klinikum und hat gerade seinen Debütroman „Bevor wir verschwinden“ veröffentlicht. Das Schreiben war zuerst da. Mit 16 entstanden erste Texte, der Berufswunsch Mediziner setzte sich während des Zivildiensts bei der Rettung durch.

An die Öffentlichkeit trat Fuchs spät. Lange widmete er sich nur der Lyrik, schrieb im stillen Kämmerlein Gedichte und las abgesehen von Fachliteratur kaum anderes. Über Romane von Mirko Bonné und Lutz Seiler, die er als Lyriker schätzte, begann er vor ein paar Jahren wieder Prosa zu lesen und dann auch zu schreiben. Obwohl zeitweise noch Gedichte entstehen, sieht er die von ihm produzierte Lyrik heute als Umweg. „Das Allermeiste ist im Giftschrank versperrt und wird da nie rauskommen“, verrät er im Gespräch.

Ernsthafter wurde es mit dem Schreiben, als er 2015/16 den Intensivlehrgang der Leondinger Akademie für Literatur besuchte. Das war ein Einschnitt, denn dort habe er zum ersten Mal ernsthafte Kritik erfahren und gelernt, dass man an Texten arbeiten muss, erzählt er. „Gleich mit den ersten beiden bin ich richtig eingefahren. Ich habe mich in der Situation furchtbar geärgert, aber rückblickend betrachtet war die Kritik völlig gerechtfertigt.“

Zu der Zeit begann er an seinem Erstling zu schreiben und gewann mit einem Ausschnitt daraus 2016 den FM4-Literaturwettbewerb „Wortlaut“. Dem fertigen Roman ist der Lyriker nicht mehr anzumerken. Fuchs bedient sich einer präzisen, schnörkellosen, manchmal lakonischen Sprache. Der Stil macht höflich Platz und tritt fast ganz hinter den Inhalt zurück. Der würde freilich auch kein Pathos vertragen, sonst liefe die Geschichte Gefahr, kitschig zu werden.

Der Erzähler von „Bevor wir verschwinden“ ist ein angehender Arzt Mitte 20, ein paar Prüfungen und die Dissertation fehlen ihm noch. Ein vierwöchiges Praktikum führt ihn auf die Onkologie. Auf das, was ihn hier erwartet, ist Benjamin überhaupt nicht vorbereitet.

Er trifft auf seinen alten Bekannten Ambros, mit dem er als Schüler einst erste, sehr unbeholfene, an Wrestling erinnernde sexuelle Annäherungsversuche unternahm. „Viel ist nicht mehr von ihm übrig“, lautet seine Diagnose, als der Exfreund, den er fünf Jahre nicht gesehen hat, nun sein T-Shirt auszieht. Der Anlass ist kein erotischer, sondern eine Lumbalpunktion. Ambros hat Metastasen in Leber, Lunge und Hirnhäuten, die Wiederbegegnung wird von beschränkter Dauer sein, so viel ist schnell klar.

„Bevor wir verschwinden“ ist das Protokoll der Überforderung eines angehenden Mediziners und zugleich eine unsentimentale Beziehungsgeschichte im Zeichen des Abschieds. Mit wenigen Worten gelingen Fuchs einprägsame Bilder und Szenen. Figuren und Handlung seines Romans sind erfunden, dafür musste er das Setting und die beschriebenen Krankheiten nicht lang recherchieren.

Die heiteren bis tragischen Absurditäten, die sich in einem Spital ereignen können, lässt sein Buch nicht aus. Wir treffen einen Oberarzt, der im Nachtdienst gern grillt. Einen Patienten, der betrunken auf die Station kommt und sich erst beruhigt, als unvermittelt ein Sarg aus dem Lift geschoben wird. Und eine Figur, die alle „den toten Kobicek“ nennen, obwohl er durchaus noch lebt. Er würde gern sterben, kann aber nicht.

Ein Roman, der mit dem Satz „Wir defibrillieren Schweine in Planschbecken“ beginnt, kann sowieso kein schlechter sein. Eine entsprechende Studie gab es tatsächlich, erzählt Fuchs. „Bei Herzstillstand hilft es, Menschen mit Wasser zu kühlen, um das Hirn zu schützen. Aber zur Reanimation braucht man Strom. Man hat an Schweinen untersucht, was passiert, wenn man das unter Wasser macht. Der Kreislauf der Schweine ist dem des Menschen relativ ähnlich.“

Zwischen Medizin und Literatur entscheiden will er sich nicht. Er mag sein Fach, gerade, „weil es ein schwieriges ist: in der Gesprächsführung, emotional, aber auch kompliziert und stetig in Bewegung“. Außerdem liege ihm das Schreiben unter Zeitdruck. Letzterer ist momentan Dauerzustand: Anstatt Urlaub zu machen, hat er den Sommer durchgearbeitet und übersiedelt noch dazu mitsamt Familie in ein Haus in einem Vorort von Linz. Zum Drüberstreuen erscheint der Roman.

Seine Kinder reagierten denkbar unbeeindruckt, als die Bücher vom Verlag kamen. „Warum sind da keine Bilder von Ninjas drinnen?“, fragte der Fünfjährige und machte sich an die Produktion eines actionreicheren Konkurrenzproduktes. Die Zweijährige wiederum wollte wissen, ob sie das Buch anmalen darf. Bei der Präsentation des Romans müssen die beiden überraschenderweise zu Hause bleiben.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • I love Teens

    Wie es Spaß macht, unsere Kinder durch die Pubertät zu begleiten Das Thema Pubertät ist von Angst besetzt. Vor allem, wenn die eigenen Kinder drohen, in dieses Entwicklungsstadium einzutreten. Wenn sie bereits...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 33/2018
  • Warum wir unseren Eltern nichts schulden

    Wir müssen nichts zurückgeben, egal, wie armselig oder bereichernd wir unsere Kindheit erlebt haben, denn Eltern und Kinder verhalten sich nicht...
    Rezensiert von Andreas Kremla in FALTER 33/2018
  • Die Illusion der Gewissheit

    Siri Hustvedt hat einen Verdacht. Sie kann sich nicht vorstellen, dass der Körper von einem Gehirn dirigiert wird, das wie ein digitales Rechengerät...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 33/2018
  • Hermann Nitsch – Leben und Arbeit

    aufgezeichnet von Danielle Spera Am 29. August wird Hermann Nitsch 80. Mit Skandal und Mystik stieg er zum Künstler der Nation auf. Porträt eines Tabubrechers, der Fortschritt...
    Rezensiert von Matthias Dusini in FALTER 33/2018
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 33/2018

Anzeige


Anzeige