Wenn die Himbeeren durchdrehen

"Hysteria" von Eckhart Nickel

Klaus Kastberger
FALTER 41/2018

Hysteria
Roman
Eckhart Nickel
Piper 2018
€ 22,70

Anzeige


„Hysteria“ hätte ein Bio-Thriller werden können, aber Eckhart Nickel betätigt sich als Adalbert Stifter des 21. Jahrhunderts

Der Mann war Pop. Er hat für das Zeitgeist-Magazin Tempo geschrieben, gemeinsam mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift Der Freund herausgegeben, war Mitglied des popkulturellen Quintetts Tristesse Royal. Jetzt aber, mit seinem neuen Roman, geht es in eine ganz andere Richtung. Eckhart Nickel präsentiert sich in „Hysteria“ als eine Art Adalbert Stifter des 21. Jahrhunderts.

Was findet man da? Alles ist bio, aber: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Mit einem Text, der mit diesem Satz begann, hat Nickel im Vorjahr beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt den Kelag-Preis gewonnen. Inhalt der Geschichte: Ein Mann schöpft Verdacht. Am Biobauernmarkt stellt er fest, dass die Früchte eine seltsame Konsistenz und einen leicht abweichenden Geschmack haben. Auch mit dem Rindvieh stimmt etwas nicht. Es reibt sich am Gatter das Hinterbein wund. Unter dem Fell wird etwas sichtbar, was wie künstliches Fleisch aussieht.

Jetzt liegt der Roman vor, den Nickel aus diesem gloriosen Auftakt gemacht hat. Der Protagonist des Buches, Bergheim genannt, geht der Sache auf den Grund und besucht die Kooperative, die die Früchte auf den Markt gebracht hat. Gerät dabei an immer seltsamere Betriebstätten. Das vermeintlich Natürliche scheint hier ausschließlich auf künstlichem Weg produziert zu sein und eine Vereinigung namens „Das spurlose Leben“ dabei eine zentrale Rolle zu spielen. Die Ideologie der Gruppe ist radikal: Kein Mensch soll auf Mutter Erde mehr Abdrücke hinterlassen als absolut nötig; kein Tier darf geschlachtet und keine Frucht von Baum, Strauch oder Wurzel genommen werden.

Innerhalb der Gruppe der radikalen Frutarier, die im Unternehmen arbeiten und es wohl auch leiten, trifft Bergheim auf ehemalige Studienkollegen, die ihre Bekanntschaft großteils verleugnen, in Bergheim aber Erinnerungen an vergangene Zeiten wecken. Treffpunkt war damals eine sogenannte „Aromabar“. Ein Ort, der wie die Biovariante der Korova Milk Bar aus Stanley Kubricks Film „Clockwork Orange“ anmutet. Nicht nur die Menschen, auch die Drogen haben sich verändert. Der schnelle Flash in andere Welten ist nicht mehr gefragt. Jetzt geht es darum, feinsten Nuancen in gewagten Aromamischungen nachzuschnuppern. Die Wirkung: dennoch famos.

Bergheim durchschaut die Dinge, die er in der Kooperative zu sehen, spüren und riechen bekommt, niemals vollständig. Und je präziser Nickel die Beobachtungen seiner Hauptfigur beschreibt, desto rätselhafter werden diese. Das ist ein bekanntes Phänomen des literarischen Naturalismus, an dem schon die Stifter’schen Welten ins Unheimliche kippten. Nickel nutzt den Effekt im großen Stil und geht in seinem Buch so nahe an die Dinge heran, dass man vor lauter Hypersensibilität bald gar keinen Zusammenhang mehr sieht.

So eine Literatur muss man mögen, und man braucht dafür einen etwas längeren Atem. Es ist ein Schreiben der Entschleunigung und Akribie. Gut hätte sich aus dem Stoff auch ein Biothriller drechseln lassen. Den Autor aber interessiert das nicht. Spannungsmomente nimmt er eher billigend in Kauf, als dass er sie bewusst herstellen und für einen stringenten Fortgang der Handlung nutzen würde. Alles, was nach Pop und schnellem Rhythmus klingt, scheint geradezu vorsätzlich aus dem Buch verbannt und Chancen auf einen höheren Entertainmentfaktor bewusst vergeben.

Dafür gewinnt „Hysteria“ auf der anderen Seite Neues hinzu. Dieses Buch ist eben nicht bloß ein Traktat über Bio und Bauernmarkt, mit der bissigen Vorstellung im Rücken, dass sich die Natur nur retten lässt, wenn man sie künstlich reproduziert. Sein eigentliches Thema ist ein anderes, nämlich die Allmacht der Gegenwart. Zur Vergangenheit führt kein Weg mehr zurück, es sei denn in der Hysterie der Erinnerung. Bergheim ist so ein Hysteriker der Erinnerung. Ein Wirrkopf einer Welt von gestern. Heillos veraltet im Jetzt. Kurzum: Etwas mit ihm stimmt nicht.


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Das Haus der Regierung

    Eine Saga der Russischen Revolution Geschichte: Yuri Slezkine erzählt die Sowjetgeschichte der Privilegierten und Machthaber anhand eines Gebäudes Ein riesiger grauer Kasten schräg...
    Rezensiert von Erich Klein in FALTER 41/2018
  • Die Kinder und der Wal

    Eis ist nicht weiß, sondern blau. In der Welt, in der die Inuit-Kinder Cuno und Aia wohnen, dominiert diese Farbe, denn blau ist neben Eis und...
    Rezensiert von Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2018
  • Lise Meitner

    Pionierin des Atomzeitalters Biografie: Vor 50 Jahren starb die bedeutendste österreichische Kernphysikerin Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war eine der für die Menschheit...
    Rezensiert von André Behr in FALTER 41/2018
  • Alle lieben flache Kuchen

    Tartes, Pies, Blechkuchen & mehr Das 19. Weihnachtsmenü kommt exotisch, bunt und fröhlich daher und pfeift auf den politischen Muff Man müsste heuer Karpfen auf den Speisezettel...
    Rezensiert von Armin Thurnher in FALTER 41/2018
  • Kulturpessimismus

    Ein Plädoyer
    Rezensiert von in FALTER 41/2018
Alle Buch-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 41/2018

Anzeige

Anzeige