Schuld und Sühne auf etwas breiter Bühne

"Die Katze und der General" von Nino Haratischwili

Thomas Leitner
FALTER 41/2018

Die Katze und der General
Nino Haratischwili
Frankfurter Verlagsanstalt 2018
€ 30,90

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Nino Haratischwili liefert ein packendes Porträt der Post-Perestroika – und eine tolle Rolle für James Mason

Vor vier Jahren ließ Nino Haratischwili, 1983 in Tiflis geboren, mit ihrem dritten Roman, „Das achte Leben“, aufhorchen – einer ausufernden Familienchronik, die 100 Jahre georgische Geschichte umfasst und eine Reihe faszinierender, vorwiegend weiblicher Gestalten zu einer Generationensaga zusammenschweißt.

Daran knüpft die auf Deutsch schreibende Autorin nun mit „Die Katze und der General“ an, und wieder gelingt es ihr, im familiären Strang der Geschichte einfühlsam Porträts zu gestalten: von einer Großmutter, die wissenschafts- und fortschrittsgläubig die besten Seiten der kommunistischen Vergangenheit in die georgische Verfallsgeschichte zu retten versucht, über eine von Politik und Passion durchgebeutelte Mutter bis hin zu den in der Berliner Exilantenszene mühsam Fuß fassenden Enkelinnen.

Die eine ist Schauspielerin und versucht sich mit wechselndem Erfolg zwischen Film und Theater (unschwer lassen sich da Facetten aus dem Leben der Autorin erkennen, die selbst Erfahrung in beiden Domänen gesammelt hat). Sie ist die Katze des Titels, was sich dort gut macht – im Roman selbst, der sie durchgängig so nennt, wirkt das etwas mühsam.

In scharfem Kontrast zur georgischen Zeitgeschichte aus weiblicher Sicht steht das Eingangskapitel in der für großrussische Verhältnisse nur einen Katzensprung entfernten Gegend, dem tschetschenischen Grenzgebirge. Die 17-jährige Noura lebt in einer von inneren Spannungen und äußerer Bedrohung niedergedrückten Gesellschaft. Sie ersehnt sich ein wenig Luft, Licht und Freiheit im finsteren Tal. Sie will weg – und sei es auch nur „in die Stadt“, was in der Zeit vor dem ersten Tschetschenienkrieg wohl Grosny bedeutet.

Von Anfang an lässt die vom Roman evozierte Stimmung keinen Zweifel daran, dass Noura das Opfer sein wird. Ein Opfer, das freilich exemplarisch für viele andere steht. In einem Interview mit dem Spiegel hat Haratischwili darauf hingewiesen, dass das im Buch beschriebene individuelle Schicksal und die allgemeinen Zustände in Tschetschenien vor und während der beiden Kriege auf Schilderungen der ermordeten Journalistin und Bürgerrechtlerin Anna Politkowskaja beruhen.

Die chaotischen Verhältnisse in Georgien wirken im Kontrast zur unheilschwangeren Witterung dort fast wie ein bukolisches Zwischenspiel. Der Stimmungswechsel in der Beschreibung der Nachbarregionen sorgen für starke Momente; überhaupt ist es eindrucksvoll, wie es Haratischwili gelingt, Räume und Atmosphären zu evozieren. Eingebettet ist das Geschehen in den beiden Sowjetrepubliken in eine allgemeine Verfallsgeschichte des sie einst zusammenhaltenden Reiches. Überzeugend verknüpft die Autorin politologische Prozessanalysen mit individuellen Porträts. Selten wurden die Anarchie und die Korruption in der Periode nach der verunglückten Perestroika so plastisch dargestellt. Das Unterste kehrte sich zuoberst, ein neues, oft mörderisches Zusammenspiel zwischen Unter- und Immer-noch-Privilegierten entstand. Glaubhaft wird den Spuren dieser wirren Zeit bis in die Gegenwart der Neureichen, Bonzen und Sowjetruinen nachgegangen. Eine virtuose Schnitttechnik verschränkt die Zeitebenen ineinander, überblendet von Ort zu Ort.

All das ist, wie gesagt, überzeugend und eindrucksvoll – aber leider nicht alles. Denn da ist ja noch die zentrale Figur des Romans, der General des Titels. Ursprünglich ein schöngeistiger Jüngling, der unter dem Andenken an seinen Heldenvater leidet, entgeht er trotz aller Fluchtversuche der militärischen Karriere nicht und versucht schlussendlich, die Schuld, der er diese verdankt, zu begleichen. Sein Wille zur Abrechnung hält die Handlung zusammen und treibt diese voran.

In die dostojewskischen Motive von Schuld und Sühne mischen sich aber bald ganz andere Töne, der in der Gegenwart spielende Handlungsstrang nimmt mehr und mehr Züge eines Thrillers an. Die Tonart wechselt so brüsk, dass den Leser das Gefühl beschleicht, er wäre besser im Kino aufgehoben. Für ein literarisches Werk, das viele fast lyrische und packend dramatische Momente aufweist, erscheint manches dann überinstrumentiert, dick aufgetragen, schlicht fehl am Platz.

Um die Macht des Oligarchen zu versinnbildlichen, wird eine Villa mit Pool in Berlin aufgefahren; für das Töchterchen muss es ein Palazzo in Venedig sein. Zu einem Spa in Marrakesch geht es im Privatjet, überhaupt wird wild herumgeflogen (apropos „wild herum“: Exaltierte Sexszenen mag man vielleicht im Film – hier geraten sie einfach zu Kitsch).

Figuren werden eingeführt, bei denen man den Verdacht nicht los wird, dass sie nur da sind, um Stereotype zu bedienen: Ein deutscher Rucksacktourist mutiert zum pazifistischen Kriegsreporter und schleicht sich recht störend als Ich-Erzähler ein. Vollends fragt man sich, was ein österreichischer Komponist als verunglückte Liebschaft der „Katze“ hier zu suchen hat – in seiner neurotischen Mischung aus Autismus und Mondänität soll er vielleicht ein typischer Wiener sein. Oder dienen diese Figuren lediglich dazu, die Handlung zu „strecken“, um den Umfang des „Achten Lebens“ nicht allzu weit zu verfehlen?

Nichtsdestoweniger lesen sich die 750 Seiten zügig bei anhaltender Spannung, sie schwanken nur allzu sehr zwischen gut und gut gemacht. Immerhin könnten selbst die schwächeren Teile einen passablen Film ergeben, und der „General“ wäre eine großartige Rolle für James Mason gewesen. So ist es „nur“ der zweitbeste Roman von Nino Haratischwili geworden, der man anraten möchte, sich auch einmal in einem bescheideneren Format – 400 Seiten? - zu versuchen.


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