Sonne, Mond und Pferde

"Die Reiterarmee" von Horst Hussel, Peter Urban, Isaak Babel

Klaus Nüchtern
FALTER 41/2018

Die Reiterarmee
Horst Hussel, Peter Urban, Isaak Babel
Friedenauer Presse 2018
€ 20,60

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Michail Bulgakow und Isaak Babel haben der Literaturgeschichte zwei ambitionierte und aufwühlende Aufarbeitungen des Russischen Bürgerkriegs hinterlassen

Ein gewaltiges Jahr, ein furchtbares Jahr war nach Christus das Jahr 1918, nach der Revolution das Jahr 2. Viel Sonne im Sommer, viel Schnee im Winter, und höher als sonst standen am Himmel zwei Sterne: Der Stern der Hirten – die abendliche Venus – und der rot zitternde Mars.“

So beginnt – wuchtig, biblisch, unheilschwanger – Michail Bulgakows Debütroman „Die weiße Garde“; zunächst in Teilen abgedruckt 1924 in der bald darauf eingestellten Zeitschrift Rossija; in der Sowjetunion erst 1966 vollständig in Buchform erschienen; soeben in einer Neuübersetzung Alexander Nitzbergs herausgekommen (der davor bereits Bulgakows „Meister und Margarita“, „Das hündische Herz“ und „Die verfluchten Eier“ neu übertragen hat).

Zugrunde gelegt sind dem Roman persönliche Erfahrungen des Autors. Wie sein Protagonist Alexej, mit 28 Jahren der älteste der Geschwister Turbin, war Bulgakow Arzt von Beruf und als solcher zur ukrainischen Armee eingezogen worden. Im Gegensatz zu diesem aber kämpfte er aufseiten der „Weißen“ gegen die Bolschewiki.

Der US-Historiker George F. Kennan hat den Ersten Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. So gesehen kann man die vielfach verklärte Russische Revolution, also den lange vor Stalin in Terror mündenden bolschewistischen Putsch und den anschließenden Bürgerkrieg, durchaus als Teil dieser Katastrophe betrachten.

Waren im Weltkrieg wenigstens die Fronten klar gewesen, so sah sich die Zivilbevölkerung, die schon davor durch Bombardements und Hungerblockaden unmittelbar zum Zielobjekt der Kriegsführung geworden war, im Bürgerkrieg, der ein Vielfaches an Todesopfern forderte, der brutalen und anarchischen Willkür aller Seiten ausgesetzt – ob nun das Rassen- oder Klassenressentiment ein ideologisches Mäntelchen trug oder sich Raub- und Mordlust ganz ohne ein solches austoben mochte.

Bei Bulgakow (der im Übrigen von der Roten Armee zu den Weißen übergelaufen war) manifestiert sich die ständig präsente und paranoid ausufernde Bedrohung in einem Namen, der wie ein Gespenst durch den ganzen Roman spukt: „Petljura“- bzw. „Päturrah!“-Rufen hallen durch die Gassen Kiews (hier stets als „die große Stadt“ geführt), ohne dass sich der Vielbeschworene je zeigen würde: „Es heißt, Petljura ist auf dem Platz. Los, wir wollen Petljura sehen. – Dumme Kuh, Petljura ist in der Kathedrale. – Selber dumme Kuh. Es heißt, er kommt auf einem weißen Pferd.“

Symon Petljura, der in den wohl zu Recht so genannten „Wirren“ des Bürgerkriegs gegen die Roten, aber auch gegen die Weißen, die Polen und den ukrainischen, von der deutschen Interventionsarmee eingesetzten Hetman Pawlo Skoropadskyj kämpfte, war im Februar 1919 von den Bolschewiki schon wieder aus Kiew vertrieben worden. Die knapp zwei Monate davor bilden den zeitlich eng begrenzten Rahmen für die alles andere als lineare Handlung des Romans.

Das weiße Pferd aber, auf dem der Vielbeschworene angeblich einreiten soll, weckt Assoziationen an die apokalyptischen Reiter der Offenbarung, die in der „Weißen Garde“ wiederholt ganz explizit zitiert wird und in der russischen Literatur der damaligen Zeit überhaupt eine große Rolle spielt.

So tragen die Romane des Anarchisten, Terroristen, Politikers und Publizisten Boris Sawinkow – im übrigen ebenfalls von Alexander Nitzberg übersetzt – die Titel „Das fahle Pferd“ und „Das schwarze Pferd“. Zugleich steht das Pferd für die geschundene Kreatur schlechthin.

Einer unbewiesenen Legende zufolge hatte sich Friedrich Nietzsche in Turin unter Tränen buchstäblich an den Hals eines vom Kutscher misshandelten Pferdes geworfen, und ein solches steht bekanntlich auch im Zentrum von Pablo Picassos Monumentalgemälde „Guernica“ (1937), das die Zerstörung der gleichnamigen Stadt durch das Bombardement der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg zum Thema hat. Und in Sergej Eisensteins Revolutionsfilm „Oktober“ (1928) verkörpert der Leichnam eines von der hochgezogenen Brücke stürzenden Kutschengauls die (proletarischen) Opfer der Revolution.

Auch „Die Reiterarmee“ partizipiert an diesem keineswegs nur symbolisch gestifteten Zusammenhang. Der nun wieder aufgelegte Text in der Übersetzung Peter Urbans, der mit „Erzählband“ nur sehr unzureichend charakterisiert wäre und von seinem Verfasser, dem aus Odessa gebürtigen und den „Säuberungen“ Stalins zum Opfer gefallenen Isaak Babel (1849–1940), nicht zu Unrecht als „Gedichte in Prosa“ apostrophiert wurde, ist ein Stationendrama des Bürger- und des sowjetisch-polnischen Krieges. In beiden befehligte der ursprünglich in der Armee des Zaren dienende, unter seinem Freund Stalin aufgestiegene und zum Helden verklärte General Semjon Budënnyj die nicht minder mythenumrankte Reiterarmee.

Babel, der sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatte, hat viele der meist nur wenigen Seiten umfassenden literarischen Berichte mit Ort und Datum versehen. „Novograd-Volynsk, Juli 1920“ steht am Ende des ersten Stücks „Die Überschreitung des Zbruč“ (ehemals Grenze zwischen dem Königreich Polen und dem russischen Reich), in dem Babel alle Register seiner poetischen Imaginationskraft zieht, die mitunter auch die Grenzen zum Geschmäcklerischen überschreitet: „Das stille Wolhynien windet sich, Wolhynien verschwindet vor uns in den perlgrauen Nebel der Birkenwälder (…) Die orangefarbene Sonne rollt über den Himmel, wie ein abgehackter Kopf, zärtliches Licht entbrennt an den Wolkenschluchten, und die Standarten des Sonnenunterganges wehen über unseren Köpfen. Der Geruch von gestrigem Blut und getöteten Pferden tropft in die Abendkühle.“

Babel, bei dem der Mond schon mal einem billigen Ohrring oder einer grünen Eidechse gleicht, neigt mitunter auch zu einer Ästhetisierung des Entsetzlichen, die ihn indes nicht dazu verleitet, das Entsetzen zu verschweigen oder zu beschönigen. Auch wenn Klarnamen der Beteiligten oder einschlägige Stellen später geändert respektive getilgt wurden, ist es erstaunlich, was die Zensur dem unter dem russischen Namen Kirill V. Ljutov als „embedded journalist“ agierenden Babel alles hat durchgehen lassen. Über die am Rande des hauptsächlich von Juden bewohnten Ortes Berestečko lebenden russischen Kleinbürger etwa heißt es: „Die Nachbarschaft dreier Volksstämme, arbeitsamer und geschäftstüchtiger, hat in ihnen einen sturen Arbeitseifer geweckt, der dem Russen bisweilen eignet, wenn er noch nicht verlaust, noch nicht verzweifelt und dem Suff noch nicht ergeben ist.“

Seine eigene Aufnahme in den Verband der unter dem Schlachtruf „Schlagt die Kommunisten, Kommissare und Juden – rettet Russland!“ an die polnische Front ziehenden Reiterarmee schildert der Jude Babel in „Meine erste Gans“. Dass so einer wie er dort kein leichtes Leben haben wird, macht ihm nach den ersten Erniedrigungsritualen der Quartiermeister unmissverständlich klar: „Eine Schinderei ist das bei uns mit Brille, da ist nichts zu machen. Einer mit höherer Einbildung, dem ärgern sie hier die Seele aus dem Leib. Aber missbrauchen Sie eine Dame, eine ganz reine Dame, dann tragen euch die Kämpfer auf Händen …“

Vergewaltigung ist ebenso an der Tagesordnung wie die Misshandlung oder Ermordung von Menschen, die mehr oder weniger nach Gusto als Verräter, Klassenfeinde oder Juden identifiziert werden. Zum Glück für den Neuling und Pech für diese kreuzt eine Gans dessen Weg:

„Ich holte sie ein und drückte sie zu Boden, der Gänsekopf krachte unter meinem Stiefel, krachte und begann zu bluten. Der weiße Hals lag ausgestreckt im Mist, und die Flügel senkten sich über dem getöteten Vogel. – Himmelmuttergottesverdammich, – sagte ich, mit dem Säbel in der Gans stochernd, – brat sie mir, Bäurin.“ Damit hat sich das g’studierte Bürscherl rascher Respekt verschafft, als es hoffen durfte: „– Der Knabe passt zu uns, – sagte einer von ihnen über mich, zwinkerte und teilte mit dem Löffel Suppe aus.“

Babel, dieser „Thukydides des letzten europäischen Reiterkriegs“, sei weit davon entfernt, „im Kosaken den edlen Wilden entdecken zu wollen“, und rühre, so schreibt Ulrich Rauff in seinem Buch „Das letzte Jahrhundert der Pferde“, „an eine Ebene, auf der sich Kosaken, Juden und Pferde begegnen. Es ist die Ebene des Kreatürlichen, die Zone derer, denen zu sterben bestimmt ist, früher oder später, wahrscheinlich schon bald.“

Der Tod ist im Leben immer möglich, gewinnt im (Bürger-)Krieg aber plötzlich grausam konturierte Wahrscheinlichkeit. Davon handelt auch „Die weiße Garde“, in dem der erst 17-jährige Nikolka den Tod eines gegen Petljura kämpfenden Generals (dessen Leiche später in einer zutiefst grusligen Szene im Anatomischen Theater identifiziert wird) gleichsam live miterlebt; sein von fantastisch dargestellten Fieberdelirien heimgesuchter Bruder Alexej beinahe am Typhus abkratzt; und ein gewisser Wassilij Lissowitsch, „Wassilissa“ genannt, nur mit knapper Not der Ermordung durch plündernde Soldaten entgeht.

Im Unterschied zu Babel, der seinen lyrischen Expressionismus mit dem Jargon der Bolschewiki und der Umgangssprache bildungsferner Schichten zu einem idiosynkratischen, aber überzeugenden Stilmix zu amalgamieren versteht, ergeben die idiomatischen und syntaktischen Lizenzen, die sich der zu allerlei avantgardistischer Allotria aufgelegte Bulgakow selbst erteilt, kein Ganzes. Grandios in einzelnen Szenen und vor allem in seinen Rauminszenierungen ist der Roman nicht nur eine „fordernde Lektüre“ – wie’s dann gerne beschönigend heißt –, sondern stellenweise schlicht gaga.

Weil aber Neuübersetzungen so tun müssen, als seien alle anderen rettungslos veraltet, geglättet, überholt, hat der Übersetzer, der statt eines brauch- und lesbaren Nachworts eine editionshistorische Diplomarbeit verfasst und seine Fußnoten mit überflüssigem Wissen vollgestopft hat (Bulgakows „Akazie“ ist botanisch korrekt als „Scheinakazie“ zu identifizieren!), es sich angelegen sein lassen, die Manierismen noch auf die Spitze zu treiben.

Bei ihm ist es nicht damit getan, dass die Fenster „klirren“ wie in der Übersetzung von Larissa Robiné (1992), sie müssen „schlottern“. Und wenn der erwähnte Plünderer Wassilissa zur Rede stellt, liest sich die bei Robiné in kolloquiales Hochdeutsch übertragene Rede bei Nitzberg so: „Gucken sollse! Dem seine Füße sin’ näm’ch abgefror’n, zerlumpt, er verrottet für dich im Schütz’ngr’m, währ’nd du in der schicken Bude sitzt und auf so ’nem Grammophon klimperst.“

Das mag Ernst Jandl auf seiner Wolke ein Schmunzeln entlocken, dem gemeinen Leser kann dergleichen forciertes und eitles Bildungsgeklimper dann aber doch ein wenig auf die Nerven gehen.


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