Liebe in Zeiten von Tinder und Gelegenheitssex

"Warum Liebe endet" von Eva Illouz

Matthias Dusini
FALTER 7/2019

Warum Liebe endet
Eine Soziologie negativer Beziehungen
Eva Illouz
Suhrkamp - 2018
25,70

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Am 23. April 2018 ermordete ein junger Mann in Toronto zehn Menschen, darunter acht Frauen. Er gehörte zu den sogenannten „Incels“. Das ist eine Online-Community, die Frauen hasst, weil sie nicht den Sex bekommt, der ihr zustehe. Die israelische Soziologin Eva Illouz liefert eine überraschende Interpretation dieses gemeinhin als Ausdruck extremer Misogynie interpretierten Attentats. Die Gewalt gegen Frauen sei nur verständlich, wenn man den veränderten Status der Sexualität in Erwägung ziehe. „Sexualität ist gleichbedeutend mit gutem Leben“, schreibt Illouz, und weiter: „Wem Sexualität vorenthalten bleibt, dem bleibt eine soziale Existenz verwehrt.“

Illouz’ Werke, etwa „Warum Liebe weh tut“ (2012), lassen sich als eine Studie in mehreren Fortsetzungen lesen. Sie kreisen allesamt um die Frage, warum der Westen zwar freier geworden ist, das seelische Leiden aber deswegen nicht geringer. Das betrifft insbesondere Frauen. Die Moderne versprach ihnen Selbstbestimmung, auf dem freien Markt des Begehrens ziehen sie aber meist den Kürzeren.

Aus Internetblogs, Meinungsumfragen und Patientenbefragungen zitierend, arbeitet sich Illouz diesmal durch das Ende von Beziehungen. Das Material wirkt zwar mitunter allzu sehr den Thesen der Autorin untergeordnet. Gleichwohl gelingt es Illouz mit analytischer Schärfe, den gesellschaftlichen Hintergrund der oft überhöhten Sphäre der Leidenschaften offenzulegen. In der Begrifflichkeit der Frankfurter Schule argumentierend, sieht Illouz einen unlösbaren Widerspruch zwischen der liberalen Forderung nach Autonomie und der Sehnsucht nach sozialen Bindungen, deren Bühne die Liebe ist.

Liebe endet, erläutert Illouz, aus denselben Gründen, aus denen Beziehungen erst gar nicht zustande kämen. Der Konsumismus produziere Bilder sexualisierter Körper, die sich mit langfristigen Bindungen nur schwer vereinbaren lassen. Auch die Psychobranche unterwandert die Beständigkeit. Den hohen Ansprüchen an das Selbst, so das nüchterne Fazit, kann die Zweisamkeit schwer gerecht werden.


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