Für immer Familie und Happy End mit Grauen

"Jesolo" von Tanja Raich

Dominika Meindl
FALTER 14/2019

Jesolo
Roman
Tanja Raich
Blessing - 2019
20,60

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Seit ich denken kann, gibt es immer nur uns.“ Das klingt romantisch, doch Georg und Andrea, beide Mitte 30, erkennen während des alljährlichen Urlaubs am immergleichen Strand, dass es im Getriebe kracht. „Du bist so kompliziert. Wann bist du nur so geworden?“, fragt die Ich-Erzählerin ihr lyrisches Du, weil ihm wieder einmal kein Platz im Restaurant recht ist.

Er bedrängt sie, in sein Elternhaus in der Provinz zu ziehen. Sie fühlt sich beengt: „Ich stelle mir vor: Ich schlafe mit einem anderen Mann auf unserem Küchentisch. Ich stelle mir vor: Ich schlafe mit einer Frau. Ich stelle mir vor: Ich finde dich tot in unserem Ehebett.“ Es fehlt nicht viel, und das Paar kehrt jeweils solo aus Jesolo zurück. Im Alltag wiederum verfällt es auf derartig zermürbende Beziehungsscharmützel und Fantasien, dass auch die Leserin um Trennung fleht.

Doch es folgt die Versöhnung. Und als Andrea auch noch schwanger ist, sieht Georg das Happy End gekommen. „Familie ist, für den Rest deines Lebens nie mehr allein zu sein“, denkt sie indes, und insgeheim graut ihr. Zu Recht, denn bald wird ihr das Monopol über den eigenen Körper entzogen. Der Schwiegervater treibt den Sohn in immer größere Baupläne und Kredite, die Schwiegermutter drängt sich immer rabiater in ihre Privatsphäre. Während der Mann immer fester im Leben steht, wird die Frau aus dem ihren hinausgedrängt.

Soweit ist das nicht neu, weder als reales Faktum noch als literarisches Sujet. Was wiederum bezeichnend für den aktuellen gesellschaftlichen Backlash ist, der Bücher wie „Jesolo“ weiterhin relevant und wichtig macht. Stilistisch bleibt Tanja Raich in ihrem Debütrom fast schon zu unaufgeregt. Viel zu unaufgeregt ist ihre Erzählerin, die sich nur in Gedanken gegen die familiären Betonblöcke an ihren Füßen wehrt. Die Schwiegermutter muss man ja wirklich nicht die Vorhänge aussuchen lassen. Trotzdem: Als intensive Beschreibung der Entindividualisierung, die immer noch zu oft mit der Mutterschaft einhergeht, ist „Jesolo“ gelungen. So richtig einsam ist man eben erst in der Familie.


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