Denkanregungen von Claudio Magris zum 80er

"Schnappschüsse" von Claudio Magris

Ulrich Rüdenauer
FALTER 17/2019

Schnappschüsse
Claudio Magris
Hanser, Carl - 2019
20,60

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Schnappschüsse sind im Vorbeigehen eingefangene Sekundensensationen – und so nennt der große Triestiner Gelehrte und Autor Claudio Magris sein jüngstes Buch, das pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am 10. April erschien. Er hantiert freilich nicht mit der Kamera, sondern mit dem Werkzeug, das ihm viel besser in der Hand liegt: mit dem Stift.

Das Buch versammelt Beobachtungen und aufgeschnappte Dialoge, die Magris in wunderbar leichte Prosaminiaturen verwandelt, die zwischen 1999 und 2016 entstanden sind. Diese zeitlosen Texte können erzählerischen Charakter haben, kulturphilosophische Erkenntnisse zutage fördern oder den Wandel der Zeiten in den Zeichen des Nebensächlichen kenntlich machen. Sie handeln vom Grotesken und Banalen, aber selbst sind sie es nie.

In diesem essayistischen Ansatz hat Magris’ Schreiben durchaus Ähnlichkeit mit Walter Benjamin, der die Welt in ihren vielen Facetten und ihrer Symbolik entziffern wollte und stets das Schwebende, das Nicht-Eindeutige und Übergänge gesucht hat. Es ist der Versuch, an winzigen Phänomenen die Zeit zu erfassen und die offenherzige Geschwätzigkeit der Welt auf- und ernst zu nehmen.

Etwa, wenn sich der Autor in den Warteschleifen einer Telefonhotline verheddert. „Also ruft man erneut an, und inzwischen vergeht die Zeit, das drängende Problem wird immer unangenehmer; es verstreicht eine halbe Stunde, eine Stunde, der Tod rückt ein kleines Stück näher, und dieses Nichts, in dem sich ein und sei es auch nur kleiner Teil unseres Lebens verbraucht, ist seine eloquente Vorhut.“

Die eleganten, ihre Gedanken oft in längeren Satzperioden entwickelnden Texte beschäftigen sich mit der Kuriosität, dass bei Vorträgen eigentlich niemand zuhört, aber alle mit interessierter Miene dasitzen. Oder sie handeln von Beziehungen, Machtverhältnissen und Selbstinszenierungen, die sich plötzlich in Luft auflösen. Und nicht wenige beschäftigen sich mit der Vergänglichkeit. Fast jedem der 48 Texte gelingt ein Kunststück – nämlich zum Denken anzuregen.


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