"Food Design - von der Funktion zum Genuss" von Sonja Stummerer, Martin Hablesreiter

Christopher Wurmdobler
FALTER 27/2005

Food Design - von der Funktion zum Genuss
Sonja Stummerer, Martin Hablesreiter
Springer 2005

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Schokolade ist Beton

Zwei junge Wiener Architekten haben sich mit Fooddesign beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben.

Japaner haben ja keine Ahnung. Zumindest wissen sie nicht, wie man eine Sachertorte richtig aufschneidet. Das mussten Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter feststellen, als sie gemeinsam in einem japanischen Architekturbüro arbeiteten und den Kollegen den Schokogruß aus ihrer Heimat präsentierten. "So schnell hast du gar nicht schauen können, da war die Sachertorte schon in lauter Würfelchen zerteilt", erzählt Stummerer. Die Kollegen hatten die Torte zuerst in Scheiben geschnitten und dann noch einmal im rechten Winkel durchtrennt. "Das würde bei uns doch niemand machen", meint Hablesreiter und betrachtet das Beispiel gleich als Beweis, dass kultureller Background und die Art, wie Speisen beschaffen sind, viel miteinander zu tun haben. "Es gibt runde Speisen und eckige Speisen", sagt Stummerer, "laut unserer Theorie sind die runden Speisen älter als die eckigen." Was sich aus der industriellen Produktionsweise ergebe. Wie wir Lebensmittel teilen, schneiden und bearbeiten, habe auch viel mit Symbolik zu tun. Bei einer Torte zum Beispiel gehe es vor allem darum, gerecht zu teilen, deshalb schneide man spitze Stücke - so habe jeder gleich viel Rand und gleich viel Mitte. Auch beim Schmelzkäseeckerl gibt es den Bezug aufs runde Ganze: "Jeder weiß, dass so ein Schmelzkäse mit dem Käselaib nichts gemein hat, aber trotzdem macht man in der industriellen Herstellung mit sechs Käseckerln wieder ein Ganzes."

Stummerer und Hablesreiter sind Architekten, nennen sich als bauendes Duo honeyandbunny und haben sich eine Zeit lang ausgiebig mit dem Thema Fooddesign beschäftigt, also mit dem Wie und Warum des Erscheinungsbildes von Speisen. Daraus ist jetzt ein schönes Buch geworden - die Speisefotos stammen von Ulrike Köb -, das beim Lesen allerhand Aha-Erlebnisse liefert und Dinge, die einem eigentlich eh ganz logisch sind, vor Augen führt. Zum Beispiel, dass die Extrawurst den gleichen Durchmesser hat wie das Semmerl, damit das mit der Extrawurstsemmel so gut funktioniert. Oder dass Schokolade wie Beton ist und ein praktischer Schutzpanzer für Schwedenbomben oder Rumkugeln sein kann. Dass haltbar gemachte Speisen (Erbswurstsuppe, Rollmöpse, Dosenbrot) in Kriegen mitunter entscheidend waren, dass Sollbruchstellen bei Hostien, der Toblerone oder beim Käsecracker die Lust am Teilen fördern und dass man sich damit auch als Single in seiner Singlewohnung als Teil eines größeren Ganzen fühlen kann.

Wieso sich jetzt ausgerechnet die fünfteilige Kaisersemmel nur in ungleich große Stücke teilen lässt, war für die beiden Architekten aller Forschung Anfang. Für ihr Buch haben sie sich auf Recherche begeben, Industriebetriebe besucht und die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel Hersteller von Tiefkühlkost ihre Produkte nicht als "designt" sehen wollen, sondern als "natürlich". Was freilich Unsinn ist: Industriell geformter und weiter weg von der Natur als Fischstäbchen gibt's fast nichts. "In vielen Betrieben weiß man gar nicht, wieso etwas so aussieht, wie es aussieht", sagt Hablesreiter. Die Frage nach der Kaisersemmel konnte niemand beantworten, hier folgt die Form wohl einfach der Produktionsweise.

Dass Japaner übrigens auch nicht wissen, wie man Wiener Schnitzel richtig isst, stellten die Fooddesignforscher fest, als sie in Tokio bei einer Party für hundert Kollegen Schnitzel klopfen, panieren und herausbacken mussten. Die Japaner bestrichen kleine Schnitzelstückchen mit Erdäpfelsalat, aßen mit Stäbchen - und rächten sich an den Österreichern bitterlich. Eingeladen im Nobelrestaurant servierte man nämlich lebende Fischchen im Glas, also das Gegenteil von designtem Essen. Stummerer und Hablesreiter hatten keine Ahnung, wie man das zappelnde Lebendfutter zu sich nimmt, und die Fischchen sprangen munter durchs Lokal.


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