"tanger telegramm" von Florian Vetsch, Boris Kerenski

Karin Schuster
FALTER 34/2005

tanger telegramm
Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt
Florian Vetsch, Boris Kerenski
bilgerverlag - 2004
0,00

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Von der Forschung bislang kaum beachtet" sei, so Herausgeber Klaus Cäsar Zehrer, die Tatsache, dass sämtliche Hauptvertreter der Neuen Frankfurter Schule "nachweislich, nachdrücklich und nachhaltig" das Meer gemieden hätten. Obwohl sie immer wieder davon geschrieben, es oft bebildert, ihr Satiremagazin auch noch Titanic getauft haben. "Das maritime Ruvre der Neuen Frankfurter Schule" - so der Untertitel des Sammelbandes mit Namen "Da: Das Meer!" - feiert nun seinen fünfzigsten Geburtstag. Und gleichzeitig trauert man um denjenigen, der sich dieser Thematik 1955 erstmals furchtlos angenommen hat. "Taucher mit Schutzengel" heißt die Zeichnung des im Vorjahr verstorbenen Chlodwig Poths: In Vollmontur spaziert ein Taucher über den Meeresgrund, während den hinterdrein schwebenden Schutzengel derweil die Luft ausgeht. Alles drin also: lange und kurze, gereimte und ungereimte Texte und viele Bilder von Traxler, Bernstein, Waechter, Henscheid, Poth, Knorr, Eilert, Gernhardt. Zudem: die Wahrheit über Günter Wallraff, Robinson Crusoe und Robert Gernhardt & Alice Schwarzer im "Dorf der freien Liebe".

Auffallend selten ist in dem Sammelband "tanger telegramm" vom Meer die Rede. Ein schöner Blick, ja natürlich, aber vor allem anderen ist da: die Stadt als ewiger Raum für das Andere - zahlreich die Bemerkungen, dass Tanger überhaupt nicht in Worte zu fassen wäre. Dagegen setzt das Buch viele wunderschöne (und wunderschön gedruckte) Seiten - Tagebucheinträge, Gedichte, Prosa, Bilder, von marokkanischen, amerikanischen, deutschen Autoren - und nähert sich diesem Schlüsselloch nach Afrika im bedächtigen Zickzackkurs. Dass es sich bei einem großen Teil der Texte um Erstveröffentlichungen handelt, macht aus dem literarischen Sammelsurium der tangerinen Literatur des 20. Jahrhunderts endgültig eine kostbare Rarität. Selbstredend kommt die Beat Generation zu Wort, und auch Paul Bowles, der heimliche König der Exilanten; wohnte der doch schon seit 1931 in Tanger - alle anderen kamen erst Mitte der Fünfzigerjahre, als die Verruchtheit der Stadt schon langsam zur Legende werden sollte.


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