Our Little Town

"This Quiet Town" von Velojet

Sebastian Fasthuber
FALTER 33/2007

This Quiet Town
Velojet
Wohnzimmer 2007

Anzeige


Velojet sind Österreichs melodieseligste Popband. In Wien stellen die Steyrer ihr charmantes neues Album vor.

Die beste österreichische Popmusik stammt oft aus - den Bundesländern. Die auffälligsten Gitarrenbands etwa kommen aus Klagenfurt, Salzburg, Linz und aus Steyr. Die Rede ist von Naked Lunch, The SeeSaw, Shy - und von Velojet, einem jungen Quartett, das erstklassige Popmusik klassischer Ausprägung fabriziert.

Velojet klingen international, oder sagen wir: very british. Hätte John Lennon in Oberösterreich einen Sohn gezeugt, man müsste ihn nicht lange suchen, es wäre René Mühlberger. Man kann sich der Band um den Sänger und Songschreiber aber durchaus über deren Herkunft nähern. Davon handelt nämlich auch "This Quiet Town", ihr zweites Album. "Der Titel hat sich angeboten, weil die neuen Nummern fast alle in idyllischer Einsamkeit geschrieben wurden", sagt der Bandhäuptling, der als einziges Mitglied bis heute in der Heimat geblieben ist. Montag bis Mittwoch arbeitet er in der Nähe von Steyr als Musiklehrer, an den Wochenenden kommt er zu den Proben nach Wien.

An Sonntagabenden nach Hause zurückzukehren und ein wenig wehmütig darüber zu sinnieren, ob er hier überhaupt zuhause sei - aus diesem Stoff macht Mühlberger tolle Popsongs. Er beobachtet an sich selbst, wie es sich in der Kleinstadt anfühlt, und wie es ist, alle Freunde weggehen zu sehen, weil hier wenig los ist.

Wichtiger noch als die Texte ist bei Velojet die Musik. Wie gesagt: Beatles. Aber ausnahmsweise nicht in der Oasis-Dünnbierversion, sondern so richtig - fabelhaft komponiert und arrangiert. Mühlberger stellt den raren Fall eines studierten Musikers (Jazzgitarre) dar, dem Können und Wissen beim Schreiben von Popsongs nicht im Weg stehen. Gefinkelte Harmonien und Leichtigkeit bringt er ebenso in Einklang wie Sixties-Seligkeit und einen zeitgemäßen Indiesound.

Velojet ist freilich kein Egotrip, sondern eine echte Band. Musikalisch präsentiert sich der Vierer bestens eingespielt. Irene Grabherr gibt, in Anlehnung an Gillian Gilbert von New Order und Candida Doyle von Pulp, die stoisch-charmante Keyboarderin. Bassistin Marlene Lacherstorfer, studierte Musik- und Bewegungserzieherin, wirbelt über die Bühne und lenkt die Aufmerksamkeit vom Sänger ab, der das Rampenlicht nicht wirklich sucht. Schlagzeuger Michael Flatz schließlich ist der, an den Konzertbesucherinnen ihre Kinderwünsche herantragen. Zwei Männer und zwei Frauen, eine runde, auch im Umgang miteinander harmonisch funktionierende Angelegenheit.

Schon das Debüt "Velojet" versprach viel; "This Quiet Town" ist sowohl melodiös als auch in seiner Vielschichtigkeit noch einmal ein großer Schritt vorwärts. Zu befürchten wäre höchstens, dass sich diese Leistung nur schwer überbieten lassen wird. Doch Mühlberger mag ein grüblerischer, selbstkritischer Typ sein, vorm Scheitern hat er keine Angst: "Wir verändern uns eh ständig. Vielleicht landen wir irgendwann sogar beim Jazz. Jazzstandards und Popsongs, das ist gar nicht so weit voneinander entfernt."


Anzeige

Diese Rezensionen könnten Sie auch interessieren

  • Partita 4/Notations/+

    Wenn Pierre Boulez heute in Salzburg oder Bayreuth als Dirigent bejubelt wird, so entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. War er es doch, der...
    Rezensiert von Karl A. Duffek in FALTER 33/2007
  • What's So Funny About...Zick Z

    Ende der Siebziger prägte Alfred Hilsberg den Begriff "Neue Deutsche Welle". Auf seinem Label ZickZack veröffentliche der Hamburger Journalist...
    Rezensiert von Gerhard Stöger in FALTER 33/2007
  • Places Like This

    Die Indiepop-Käuze aus Australien haben sich nach ihrem gefeierten letzten Album radikal verändert. Wurde auf "In Case We Die" unter Einsatz...
    Rezensiert von Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2007
  • Roots & Echoes

    Diese jungen Herren sind mit den Plattensammlungen ihrer Eltern aufgewachsen. So wie fast jede englische Retroband. Der große Unterschied liegt...
    Rezensiert von Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2007
  • Piano Works

    Wenn Pierre Boulez heute in Salzburg oder Bayreuth als Dirigent bejubelt wird, so entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. War er es doch, der...
    Rezensiert von Karl A. Duffek in FALTER 33/2007
Alle CD-Rezensionen | Alle Rezensionen aus FALTER 33/2007

Anzeige

Anzeige