Langmut statt Langweile

"The Devil,You+Me" von The Notwist

Sebastian Fasthuber
FALTER 19/2008

The Devil,You+Me
The Notwist
CITY SLANG - 2008
0,00

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Vor sechs Jahren veröffentlichten die Brüder Markus und Micha Acher und Martin "Console" Gretschmann ihr bisheriges Meisterstück "Neon Golden". Vom rauen Punk der Anfangszeit in den späten Achtzigerjahren über Postrock-Experimente hatten sich die stets mit offenen Ohren durchs Leben gehenden The Notwist zu einer Indierock-Band neuer Art entwickelt. Ihre Verbindung von schwermütigem Gitarrenpop, elektronischer Musik und ein wenig Jazz strahlte in die weite Welt hinaus und beeinflusste so zahllose junge Bands. "Neon Golden" blieb dennoch ein singuläres Werk: So beseelt und gleichzeitig so perfektionistisch wie The Notwist ist nicht schnell jemand.
Gute Musik kann plötzlich da sein, oder sie braucht ihre Zeit. Die Songs für das sechste Notwist-Album hatten sich Markus Acher zunächst nicht aufgedrängt. "Wir waren vor vier Jahren einmal so weit, dass wir fast mit der Arbeit begonnen hätten", erzählt er. "Dann trafen wir auf Tour die kalifornischen HipHopper Themselves. Wir mochten ihre Musik, sie mochten unsere, also haben wir mit denen das Album ,13 & God' gemacht." Und überhaupt waren die drei Musiker aus der kleinen bayerischen Kreisstadt Weilheim nicht gerade von Langeweile geplagt. "Das waren sogar die aktivsten Jahre bisher", beteuert Acher, der nebenbei auch noch die Band Lali Puna betreibt.
Irgendwann saßen sie dann doch wieder zu dritt in ihrem Proberaumstudio. "Ziemlich direkt und spontan", seien die elf Songs auf "The Devil, You + Me" entstanden. Zu problemlos für Notwist-Verhältnisse offenbar, denn gegen Ende der Aufnahmen stellten sie fest: "Da fehlt noch was. Wir hatten die Songwriter-Seite und die elektronische Seite, aber wir brauchten noch andere Klänge." Fündig wurden sie beim Andromeda Mega Express Orchestra, das Notwist mit Zwischentönen von Neuer Musik bis Jazz versorgte. "Im Nachhinein tut's mir leid, dass die so spät dazugestoßen sind", schwärmt Acher. "Vielleicht arbeiten wir beim nächsten Mal von Anfang an mit ihnen zusammen."
Eröffnet wird das Album vom nachgerade hymnischen "Good Lies", einer Mischung aus der typischen Notwist-Melancholie, New Order'scher Lässigkeit und Arcade-Fire-Dynamik. Das Stück ist freilich eine Finte, bewegt sich die Musik danach doch durchwegs in ruhigeren Gefilden und ist dabei auf eine derart unscheinbare Weise schön, dass man es fast überhören kann. "Zu den heutigen Hörgewohnheiten und MP3-Playern passt sie wahrscheinlich nicht so gut", meint Acher achselzuckend. "Wir versuchen Musik zu machen, die eine andere Halbwertszeit hat. Es ist alles so schnell geworden. Die Platte war aufgetaucht und wurde schon am nächsten Tag in Blogs diskutiert. Die Leute haben sie offenbar rezensiert, während sie die Songs zum ersten Mal hörten. Das ist schon absurd."

Als absurd mag manchem auch die Konsequenz erscheinen, mit der sich Notwist manchem kommerziellen Erfolg verweigern. Eines Tages meldete sich der Mobilfunkbetreiber Vodafone bei Markus Acher. 750.000 Euro wollte der Konzern für die Erlaubnis locker machen, einen weltweit ausgestrahlten Werbespot mit dem Notwist-Song "One With the Freaks" unterlegen zu dürfen. Acher lehnte ab: Dafür sei der Song nicht gemacht. Ein paar Minuten später noch ein Anruf, eine noch unfassbarere Summe. Acher blieb bei seinem Nein und ging in die Fußgängerzone, um ein bisschen mit der Bigband seines Vaters abzuswingen. Von der schmalen Gage hat er seiner kleinen Tochter dann ein dringend benötigtes Paar Schuhe gekauft.


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