Trompeteninvasion

"Tabligh" von Wadada Leo Smith's Quartet

Klaus Nüchtern
FALTER 36/2008

Tabligh
Wadada Leo Smith's Quartet
Cuneiform Records - 2008
0,00

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Wer sich vom 66-jährigen Trompeter jene Form mimetischer Traditionsverarbeitung erwartet, mit der dieser unlängst in Saalfelden zu hören war, liegt im Falle von "Tab-ligh" (Cuneiform Records) eher falsch. Allenfalls wolkige Fender- Rhodes-Schwaden und repetitive, hier allerdings recht statisch wirkende Bass-Stenogramme ("Rosa Parks") erinnern bei Wadada Leo Smith's Golden Quartet ein bisschen an den elektrifizierten Miles Davis der frühen 70er-Jahre, ansonsten ist von vorwärtstreibender Funkiness nicht viel zu spüren. Das ändert aber nichts daran, dass Drummer Shannon Jackson der heimliche Held des 24-minütigen Titelstücks ist: Während Smith die Materialität des Trompetenklangs mit der Akribie eines Feststoffphysikers erkundet, grundiert Jackson dieses zurückhaltende musikalische Stationendrama mit subtiler Beckenarbeit und brilliert in der Zwiesprache mit dem Bassisten John Lindberg. Ein bisschen Geduld vorausgesetzt, wird der Hörer hier mit Momenten überraschender Poesie beglückt.Sein für diese Tage angesetztes Wienkonzert musste der 85-jährige klanginvestigative Trompetenintellektuelle Bill Dixon leider aus Gesundheitsgründen absagen, auf dem titellosen Album with Exploding Star Orches­tra (Thrill Jockey/ Trost) kann man nachhören, wie es – freilich in doppelter, nämlich 14-köpfiger Mannstärke – klingt. Die Chicago Boys um den Kornettisten Rob Mazurek errichten in nie weniger als 18 Minuten kosmische Klanglandschaften ("you are an orchestra of the cosmos", genau!), die zwischen coolem post-rockistischem Minimalismus, paukenbewehrten Rhythmusflokatis, kollektiver Kakofonie und röhrenglockenbimmelnden harmoniesüchtigen Walzern sympathischen Größenwahnsinn verströmen.Die Mitteldistanz von maximal 18 Minuten wird von der Manuel Mengis Gruppe 6 (Hat Hut/Harmonia mundi) souverän bewältigt. Weniger erratisch als das Exploding Star Orchestra schafft es das Ensemble um den jungen Schweizer Trompeter mühelos, in unangestrengter Lässigkeit und mit vifer Dosierung von Dichte und Tempo die Spannung zu halten. Zwischen rockinspiriertem Drive und gedrosselter melodischer Emphase wird vorgeführt, wie Jazz heute gehen kann. Chapeau!


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