Geisterspiele auf dem Klavier

"Kurtag's Ghosts" von Marino Formenti, Gyoergy/+ Kurtag

Carsten Fastner
FALTER 7/2009

Kurtag's Ghosts
Marino Formenti, Gyoergy/+ Kurtag
Kairos 2009
€ 21,80

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Kurtágs Geister sind auch unsere
Geister", sagt Marino Formenti, und wäre der italienische Pianist nicht ein so ausgesprochen ernsthafter Musiker, man könnte glauben, sein neues Programm "Kurtágs Ghosts" sei nichts als der Ausdruck einer leise schauerlichen Morbidität. Denn als "Geister" bezeichnet Formenti ausgerechnet jene Klavierminiaturen György Kurtágs, die der ungarische Komponist selbst "Játekok" nennt – zu Deutsch: "Spiele".
Es ist ein nur vermeintlich harmloser Name für jene rund 300 Charakterstücke, die Kurtág in loser Folge seit 1979 geschrieben hat. Mit ihm stellt der 1926 geborene Komponist seine hochverdichteten Vignetten auf den ersten Blick unverhohlen in die Tradition des bewunderten Béla Bartók und dessen Zyklus "Mikrokosmos": als eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Klavierschule.
Tatsächlich sind viele, vor allem die frühen Stücke der bis heute offenen Sammlung technisch einfach zu bewältigen. Eine durchorganisierte Unterweisung im Klavierspiel freilich stellen die "Játekok" nicht dar; eher eine Möglichkeit zum Experimentieren.

Aus einer einzigen Geste, einem Gedanken, einem Motiv wird in jedem dieser Stücke Musik, entsteht, für kurze Momente nur, eine ganze Welt: als ob ein Kind – im Wortsinn – am Klavier spielte, aus einem einzelnen, vielfach wiederholten Ton einen ganzen Tanz gestaltete oder in wenigen, mit den Handflächen auf die Tastatur gepatschten Clustern ein Märchen aus dem Zauberwald erzählte.
Und doch sind Kurtágs "Spiele" weit mehr als das. In ihrer komprimierten Form, in der präzise ausformulierten Prägnanz ihres bis zum Bersten gespannten Ausdrucks sind sie ein Schlüssel zum gesamten Œuvre des Komponisten, der in der Konzentration auf kleine, ja kleinste Formen einst den Ausweg aus einer existenziellen Schaffenskrise fand: eine Werkstatt, aus der die Keimzellen zu vielen späteren Werken stammen.
Zugleich aber dient Kurtág die Sammlung der "Játekok" auch als ein Album expliziter Hommagen an verehrte Kollegen wie Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Liszt, Ligeti und natürlich Bartók, mit deren Ästhetik er sich kompositorisch auseinandersetzte.

Eben diesen Aspekt nun rückt Marino Formenti ins Zentrum seines Programms "Kurtágs Ghosts", das er kommende Woche im Wiener Konzerthaus vorstellt und auf CD präsentiert. Drei Dutzend "Játekok" hat er dafür ausgewählt und beziehungsreich mit ebenso vielen Miniaturen anderer Komponisten kombiniert: eine Erkundung der abendländischen Musikgeschichte bis zurück an deren Wurzeln.
"Für mich wird in den ,Játekok' Kurtágs intensive Beschäftigung mit unserer musikalischen Tradition, seine beinahe obsessive Beziehung zur Geschichte deutlich", erklärt der Pianist. "Den Namen ,Spiele' fand ich immer sehr ambivalent. Für mich ist das eben keine Kindermusik aus der Sicht eines Erwachsenen. Ebenso wenig wie in Robert Schumanns ,Kinderszenen' geht es darin um eine Verniedlichung. Vielmehr sind die Zustände, die diese Musik evoziert, so intensiv, wie ein Kind sie erlebt. Es ist also eigentlich eher die Musik eines Kindes für Erwachsene."
Deswegen, sagt Formenti, spreche er von "Kurtágs Ghosts" – womit er natürlich die großen Komponisten der Vergangenheit meine, auf die Kurtág sich bezieht. "Und die sind eben auch unsere Geister."
Das Programm beginnt mit einer schlichten Komposition Guillaume de Machauts aus dem 14. Jahrhundert. "Kurtág hat viele Werke dieses französischen Avantgardisten des Kontrapunkts transkribiert.
Es ist der älteste Komponist, mit dem er sich auseinandersetzte – und er ist so etwas wie der Übervater unserer schriftlich fixierten abendländischen Musiktradition."
Mit dem intimen Auftakt aus fernster Vergangenheit schafft Formenti gleich zu Beginn eine historische Tiefe, eine Empfindung zeitlicher Distanz, die sich in der Folge durch das ganze Programm zieht – die aber immer wieder auch durch zeitgenössische Bezüge kontrastiert wird.
So erklingen bald schon zwei der knappen "Notations" von Pierre Boulez sowie Kurtágs Hommage an diesen strengen Meister der Nachkriegsavantgarde. Wobei diese Widmung eher biografisch als ­ästhetisch zu verstehen ist, denn es war Boulez, der seinen Kollegen aus der Welt hinter dem Eisernen Vorhang einst im­ ­Westen bekanntmachte.
In den meisten der "Játekok" und ihrer Gegenstücke anderer Komponisten aber ist zwischen ästhetischer und biografischer Hommage kaum zu unterscheiden.

Mit einem kleinen "Walzer" und einer "Ungarischen Melodie" Franz Schuberts, mit einer "Kinderszene" Robert Schumanns, zwei späten Miniaturen Franz Liszts und einer "Mazurka" Frédéric Chopins zieht Marino Formenti die Parallele zu jener "auskomponierten Entfernung", zu jener "Distanz zur Welt" und "Empfindung des Verlusts", die Kurtág in seinen entsprechenden Hommagen gekonnt komprimierte und als eigenes Lebensgefühl zum Ausdruck brachte.
Nicht immer freilich ist Kurtágs Musik der Welt so weit abhandengekommen, wie seine Hommage an Domenico Scarlatti, den italienischen Meister der barocken Burleske, deutlich macht. "Ich habe alle 555 Klaviersonaten Scarlattis durchgelesen", sagt Formenti, "und doch keine einzige gefunden, in der er so sehr nach sich selbst klingt wie in Kurtágs Hommage. Kurtág hat Scarlatti besser auf den Punkt gebracht, als der selbst es konnte."


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