"Closer to You: The Pop Side" von Cassandra Wilson

Klaus Nüchtern
FALTER 13/2009

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Entgegen anderslautenden Behauptungen sitzt es sich zwischen den Stühlen recht bequem. So gehört es mittlerweile zum guten Ton, dass Jazzsängerinnen nicht einfach Jazz singen, sondern ihre "Popsensibilität" einbringen. So gesehen ist es fast schon wieder bemerkenswert, dass Diana Krall ein ziemlich straightes Jazz­album eingespielt hat: "Quiet Nights" (Verve/Universal) setzt einerseits auf Bossa Nova (drei Songs stammen von Antionio Carlos Jobim), andererseits aufs Great American Songbook: unkaputtbare Klassiker, die auch den Gendertransfer ("The Boy from Ipanema", "I've Grown Accustomed to His Face") unbeschadet überstehen. Die Streicher werden vergleichsweise dezent eingesetzt, der Gesang entspricht dem sorgsam verstrubbelten Haar der Sängerin am Cover: Gestylte Intimität, die ein bisschen nach Zu-spät-ins-Bett-oder-zu-früh-aus-dem-Bett-oder-beides klingt und in ihrer koketten Anlassigkeit auch ein klein wenig nerven kann.
"Closer to You. The Pop Side" (Blue Note) benennt Cassandra Wilson ihr jüngstes Album programmatisch. Ein Riesenirrtum! Kollegen, die eher auf der Singer/Songwriter-Seite zuhause sind (Bob Dylan, Van Morrison, Neil Young) überstehen die selbstgefällige Aneignung durch Wilson etwas besser, aber der Scat-Dekonstruktivismus des Monkees-Hits "Last Train to Clarksville" ist ein Elend und offenbart ein fundamentales Missverständnis von Pop – ebenso wie das mit klebriger Jazzsensibilität zugekleisterte "Time after Time": Cindy Lauper butchered by Cassandra Wilson.
Ein echtes Kontrastprogramm dazu bietet "Bare Bones" (Rounder/Universal), das gar nicht so karg ist, wie sein Titel suggeriert, auch wenn es vom Willen zum Understatement getragen ist: Madeleine Peyroux, die ein wenig wie Billie Holidays sanguine kleine Schwester klingt, beginnt mit der Aufforderung, lieber froh als mies drauf zu sein und liefert dann auf LP-Länge den passenden Begleitsoundtrack für dieses Unterfangen. Produziert (und teilweise auch komponiert) von Larry Klein bietet dieses unprätentiöse, aber subtil instrumentierte (und fein getextete!) Album elf schwerelos zwischen Melancholie und Zuversicht balancierende Songs und beweist auch, dass die Sängerin und Steely Dans Walter Becker prächtig harmonieren. Wer hätte das gedacht?!


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