"Collected Fiction" von Ken Vandermark

Klaus Nüchtern
FALTER 16/2009

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Man kann es "produktiv", "umtriebig", "fleißig" oder "gut vernetzt" nennen. Ken Vandermark ist jedenfalls dermaßen dings, dass selbst eingefleischte Fans schnell einmal den Überblick über das wuchernde Myzel seiner Bands und Projekte verlieren. Im Februar 2008 hat er sich in seiner Heimatstadt Chicago mit ingesamt vier Bassisten zusammengetan, um am Tag (CD 1) bzw. in der Nacht (CD 2) Stücke zu improvisieren, die nun auf "Collected Fiction" (Okka/Import) zu hören sind, das eigentlich auch "Collected Friction" heißen könnte, denn in der Tat entsteht zwischen gezupftem, gestrichenem, beklopftem Bass und den diversen Reeds einige Reibung. Auf "Torus I–IV" ist Vandermark am Tenor zu hören: Eloquent, eilig und ephemer spinnen er und Kent Kessler ihre musikalischen Gedanken für sich weiter, während im Duo mit Nate McBride stärker aufeinander eingegangen wird; aufgekratzt wird mit Wilbert de Joode ein pointiertes perkussives Pulsieren inszeniert, wohingegen Vandermark auf "Torus I" eine leichte Zappeligkeit von Ingebrigt Håker Flaten durch stoische Zurückhaltung wieder beruhigt und das Stück erhaben ausschwingen kann.
Håker Flaten ist nicht nur Bassist in Vandermarks Free Fall, Powerhouse Sound und School Days, sondern auch bei der formidablen schwedonorwegischen Band Atomic. Ähnliches gilt von Drummer Paal Nilssen-Love (der auch in dem Vandermark-Bands FME und Fireroom zugange ist, nicht aber bei Free Fall!). Atomic + School Days = Atomic School Days, und dieses Oktett ist, bitte, ein Wahnsinn! Vier Bläser, Vibraphon, Klavier, Bass und Schlagzeug schaffen ein beachtliches Spektrum an Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten, und dieses wird auf dem Doppelalbum "Distil" (Okka/Import)
auch voll genützt. Die acht Herren steuern jeder eine Kombination bei (Posaunist Jeb Bishob deren zwei) und bei aller Geneigtheit zum Coltrane-goes-Funk-Powerplay zeichnen sich die vor genau drei Jahren live in Chicago eingespielten Aufnahmen vor allem durch ihren Kontrastreichtum und ihre Differenziertheit aus, die von kontemplativ coolem Chamber Jazz bis zur kollektiv-kakophonischen Ekstase, von sauber synkopisch strukturierter Schichtbauweise bis zum unverschämt breit ausgespieltem Groove reicht. Und Schnitt. Und anderswo weiter. Ganz groß!


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