Neigungsgruppe Traurig Tanzen

"Wolfgang Amadeus Phoenix" von Phoenix

Sebastian Fasthuber
FALTER 22/2009

Wolfgang Amadeus Phoenix
Phoenix
Cooperative/Edel - 2009
0,00

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Mai ist Phoenix-Zeit. Alle paar Jahre veröffentlicht das Quartett aus Versailles ein Studioalbum. Und es passiert auffälligerweise stets mitten im Frühjahr. Die Jahreszeit passt aber auch zu gut zu der Musik, bei der man sich ein paar Jahre jünger oder, so man gerade verliebt ist, noch ein bisschen verliebter vorkommt.
"Das Gefühl unserer Musik ist im Grunde sehr frühlingshaft", stimmt Gitarrist Christian Mazzalai zu. "Lustigerweise ist es aber immer kurz vor Weihnachten, wenn wir die Arbeit an unseren Platten abschließen. Es muss ja auch noch die Veröffentlichung vorbereitet werden. Zu den Ersten, die die Platten hören, zählen unsere Eltern. Wir legen sie ihnen unter den Weihnachtsbaum."
Wessen Herz diese kleine Geschichte nicht zumindest ein wenig berührt, für den ist die Musik von Phoe­nix nicht gemacht. Ihr Charme liegt nämlich zu einem Gutteil in ihrer Naivität begründet. Thomas Mars, Mazzalai, Laurent Brancowitz und Deck d'Arcy wirken, obwohl inzwischen über 30, nach wie vor wie Teenager, die eine gewisse Ahnung von den Dingen haben, ohne Genaueres zu wissen.

Jugendlich frisch wirken ihre Songs, die Vitalität ist jedoch durch die Melancholie in Thomas Mars' Stimme etwas gedämpft. Man kann und soll zu dieser Musik tanzen. Unbeschwerten Spaß bietet sie indes nicht, mehr schon ein Gefühl von "dancing with tears in my eyes".
So wie es Bill Murray in jener Szene von "Lost in Translation" ergeht, in der er zu dem frühen Phoenix-Hit "Too Young" shakt, obwohl er gerade traurig ist. Vor allem aber wollen Phoe­nix das Schöne. Das hatte in der Vergangenheit manchmal zur Folge, dass ihre Arrangements etwas verzärtelt klangen. Mit "Wolfgang Amadeus Phoenix" – der wohl denkwürdigste Albumtitel 2009 bislang – soll sich das ändern. Erstmals haben sie mit dem befreundeten Elektronik-Spezialisten Philippe Zdar einen Produzenten angeheuert, um ihre sonischen Mittel ein Stückchen zu erweitern.
Nachvollziehen kann man es vor allem an dem achtminütigen Stück "Love Like a Sunset", das Techno und frühe Synthesizermusik von Tangerine Dream herbeizitiert und mit einem pastoral-kitschigen Finale ausklingt. "In unserer Vorstellung war es anfangs noch länger, es sollte mindestens 25 Minuten dauern", so Mazzalai. "Das Stück steht in der Mitte des Albums, weil es für uns das Zentrum darstellt. Wir nennen es den Tunnel. Von Versailles nach Paris fährt man durch Tunnels. Wir wollten einen Soundtrack dazu erschaffen, die Schönheit einer nächtlichen Fahrt mit der Dunkelheit und all den Lichtern einfangen."
Um den Tunnel herum gruppieren sich freilich typische Phoenix-Ohrwürmer, die beim ersten Hören kaum voneinander zu unterscheiden sind, so ausgeprägt ist der Stil der Gruppe. Es gibt zwar mehr Keyboards und Synthesizer, und die Arrangements klingen variantenreicher. Aber im Prinzip hat sich an den einfachen, mitunter auch hübsch synkopierten Gitarrenlinien nichts geändert.

Eine pompöse Rockband wird nie aus ihnen werden. Phoenix wissen das natürlich. Aber in ihren schwachen Momenten wären sie gern eine, erzählt Mazzalai: "Es geht immer noch um Schönheit bei uns, aber man kann nicht pausenlos elegant sein. Es muss auch etwas Ekliges geben. Wir wollten diesmal groß klingen, deshalb auch der Albumtitel. Die Idee dahinter ist, etwas Ikonisches herzunehmen und es wie ein Kind zu zerstören." Mozart ist freilich nicht der einzige Popstar vergangener Tage, dem die Franzosen ihre Referenz erweisen. Als Single haben die vier Freunde den Song "Lisztomania" ausgekoppelt, das Video dazu wurde in Bayreuth gedreht.
"Normalerweise kommt man da nie rein", sagt der Gitarrist, "aber der Regisseur des Clips ist Antoine Amadeus Wagner, ein Nachfahre von Wagner und Liszt. Seine Mutter hat den Schlüssel zum Festspielhaus. Dass wir dort drehen konnten, werden wir immer als Souvenir in unseren Herzen tragen." Nachsatz: "Wissen Sie, wir sind eine Popband mit englischen Texten, aber wir wollen nicht über Cadillacs sprechen, wir sprechen lieber über Mozart und Liszt." Jungs zum Liebhaben.


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