"Around Robert Wyatt" von Robert Wyatt, Orchestre National de Jazz

Klaus Nüchtern
FALTER 22/2009

Around Robert Wyatt
Robert Wyatt, Orchestre National de Jazz
Bee Jazz - 2009
0,00

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Skylla und Charybdis sind wie Pest und Cholera, zwischen ihnen war in der Antike nicht gut durchkommen – eine Zitterpartie für jeden Kapitän. Lauscht man "De Charybde en Scylla", dem ersten Stück auf "Lost on the Way" (ECM/Lotus), dem jüngsten Album des französischen Klarinettisten und Saxofonisten Louis Sclavis, hört sich das Ganze eher nach einer flotten Überlandpartie an. Dass die fünf Musiker auf dem Weg verlorengingen, lässt sich nicht behaupten, auch wenn durchaus nicht im Gleichschritt marschiert wird. Die beiden Bläser und die Rhythmusgruppe (g, b, dr) ergehen sich in komplexen synkopischen Verflechtungen, produzieren in der Dynamik von beharrlich anschiebendem Groove und improvisatorischer Abschweifung beachtliche Reibungsenergie und durchmessen so souverän ganz unterschiedliche Klanglandschaften: Das tänzerische "Bain d'Or" weckt Assoziationen an längst vergangene Jahrhunderte, wohingegen "Des bruits à tisser" einen auf Free-Rock-Improvisation macht.
Den Fortbewegungsmodus programmatisch zum Bandnamen erhoben haben Fly, ein Trio, das aus dem Saxofonisten Mark Turner und seinen amerikanischen Landsmännern Larry Grenadier (b) und dem Bandgründer Jeff Ballard (dr) besteht. Die Art und Weise, in der sich die Gruppe durch "Sky & Country" (ECM/Lotus) bewegt, ist von fließenden Dynamikwechseln gekennzeichnet, eine subtile Reise dreier souveräner Lyriker mit Köpfchen, die aber auch vor straightem Swing und sakralen Anklängen nicht zurückscheuen.
Um bewundernde Aneigung muss sich Robert Wyatt keine Sorge machen: Diesmal hat sich das Orchestre National de Jazz auf "Around Robert Wyatt" (Bee Jazz/Import) des britischen Popmusikers angenommen, dessen berührend-filigrane Stimme auch auf einigen Stücken zu hören ist. Gesang ist ja meist das Problem bei Wyatt-Hommagen, aber hier unterwinden sich Rokia Traoré, Yael Naim und Irène Jacob der Aufgabe mit Fortune, wohingegen die Männer (der outrierende Arno auf "Just As You Are" und Daniel Darcs manierierter Sprechgesang auf "O Caroline") weniger überzeugen. Die zurückhaltenden Arrangements zwischen holzbläserlastiger Luftigkeit, scharf geschnittenen Konturen (das Banjo!) und geisterhafter Präsenz sind ein gangbarer Kompromiss zwischen Neudeutung und Werktreue.


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