"Entertainment" von Fischerspooner

Sebastian Fasthuber
FALTER 23/2009

Entertainment
Fischerspooner
Get Physical Music 2009
€ 19,00

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Obwohl seit Jahrzehnten Normalität, wird elektronische Musik bisweilen immer noch mit Vokabeln wie "futuristisch" oder "fortschrittlich" belegt. Weil zuletzt tatsächlich kaum Neues mehr kam, hat sich der Begriff "retrofuturistisch" eingebürgert. Damit lässt sich praktisch alles zusammenfassen, was sich auf Kraftwerk und die Folgen bezieht.
Längst ist Techno historisch geworden. Das drückt sich aktuell in einer Welle von remasterten Reissues klassischer Platten aus. Den Anfang machte im Vorjahr Wolfgang Voigt mit einer Gas-Retrospektive, nun folgt
Robert Hood. Die Detroit-Legende veröffentlicht ihr bahnbrechendes 1994er-Album "Minimal Nation" (M-Plant), ohne das man heute nicht so selbstverständlich Minimal Techno sagen würde, in einer erweiterten Neuauflage. Es klingt frisch wie vor 15 Jahren und führt schmerzlich vor Augen, woran es vielen jungen Techno-Bausparern entschieden fehlt: Funk.
Als Mitbegründer des Genres Dub-Techno, das die Basstrommel durch wabernde Hallräume marschieren lässt, gilt das englische Duo Swayzak.
An den Entwürfen ihres 1998 erschienenen Debüts "Snowboarding in
Argentina" (Swayzak/Trost) arbeitet sich im Prinzip halb Berlin zwischen Club und Afterhour bis heute ab. Auch diesem nun neu aufgelegten Album hat die Zeit nichts anhaben können.
Schon bessere Zeiten gesehen haben die einstigen Electroclash-Stars Fischerspooner, die mit "Emerge" einen Superhit der frühen Nullerjahre landeten. Heute pocht das Duo darauf, eigentlich lieber Theater, Performance oder so zu machen. Lustige Verkleidungen künden davon. Das neue Album "Entertainment" (Lo/­Hoanzl) bietet dafür nur x-fach gehörten retrofuturistischen Elektropop. Wenn Fischerspooner "In a modern world" singen, meinen sie natürlich 1982. Das Stück klingt wie eine B-Seite von Duran Duran aus der Ära.
Andere Sorgen hat der findige Experimentierer Jan Jelinek. Er gründete die Gesellschaft zur Emanzipation des Samples. Auf "Circulations" (Faitiche) führt er vor, dass längst noch nicht alle kreativen Möglichkeiten des Samp­lings ausgeschöpft wurden. Theoretisch hochinteressant, der Ausführung wird man vermutlich seltener lauschen. Immerhin: Hier sucht noch einer nach Wegen in die Zukunft.


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