"Wunderbar" von Riechmann

Sebastian Fasthuber
FALTER 28/2009

Wunderbar
Riechmann
Bureau B/Sky/Indigo 2009
€ 20,10

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Der deutsche Ambient-Pionier Hans-Joachim Roedelius feiert ­heuer seinen 75. Geburtstag und ist präsenter denn je. Anfang August veranstaltet er wieder sein schrankenloses Festival "More Ohr Less" in Lunz am See. Das Label Bureau B widmet sich derweil der Repertoirepflege.
Ende Juni hat es mit dem 1979er-Album "Grosses Wasser" von Roedelius' Band Cluster (mit Dieter ­Moebius) eine umfassende Vinyl- und CD-Reissue-Serie von Krautrockplatten aus dem Umfeld von Roedelius gestartet, die ursprünglich auf Sky Records ­erschienen sind. Aufgenommen im Studio von Peter Baumann (Tangerine Dream), machten die beiden auf "Grosses Wasser" erstmals Gebrauch von Sequencern, ohne sich davon in ein schematisches Spiel treiben zu lassen. Die Musik klingt auch 30 Jahre später noch angenehm verspielt.
Ein Jahr zuvor hatte Roedelius mit "Durch die Wüste" sein erstes Soloding veröffentlicht. Wobei solo relativ zu sehen ist, auch der legendäre Produzent Konrad "Conny" Plank und Moebius mischten an Gitarre, Percussion und Synthesizer mit. Die Gitarre irritierte damals die Jünger, die sich ein vollwertiges Elektronikalbum erwartet hatten und von stilistisch weit ausholenden Jams überrascht wurden.
Typischer für Roedelius ist da schon "Jardin au fou", das bereits vor ein paar Monaten wieder aufgelegt wurde. Hier setzte er den Grundstein für viele weitere Alben mit repetitiven, zart esoterisch angehauchten Klangmeditationen.
Unter Kitschverdacht steht auch "Wunderbar", das einzige Album des tragischerweise kurz vor dem Erscheinen der Platte 1978 ermordeten Wolfgang Riechmann. Der Verdacht löst sich aber schnell in reine Schönheit auf. Wunderbar, dass dieses vergessene Meisterwerk des Musikers aus dem Kraftwerk- und Neu!-Umfeld eine neuerliche Würdigung erfährt. Wenn man sich nur ein Album aus der Serie gönnt, dann bitte dieses.
Vor lauter Wiederveröffentlichungen könnte man glatt übersehen, dass Cluster kürzlich ihr erstes Studio­album seit einer Ewigkeit vorgelegt haben. "Qua" (Nepenthe) entpuppt sich als vitales Statement zweier Musiker, die sich stets genug Freiheit erhalten haben, um nicht blind irgendeinem Zeitgeist hinterherhecheln zu müssen. Zu hören sind angenehme, angenehm unkategorisierbare Rhythmus- und Sound­skulpturen.


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