"Ich bin froh, wenn ich dem Knittelvers entkomme"

"Immer Da Wo Du Bist Bin Ic" von Element Of Crime

Sebastian Fasthuber
FALTER 39/2009

Immer Da Wo Du Bist Bin Ic
Element Of Crime
VERTIGO 2009
€ 19,90

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Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber Element of Crime hatten einmal englische Songs. Die ganze Frühphase über ist Sven Regeners Mund kaum ein deutsches Wort entkommen. Die Band spielt noch das eine oder andere Stück aus dieser Zeit live, ohne dass es groß aus dem Rahmen fallen würde. Trotzdem wären die Berliner niemals die Institution geworden, die sie heute sind, hätte Regener nicht Anfang der 90er-Jahre deutsch zu singen begonnen.

Seither arbeitet der Teilzeitbestsellerautor ("Herr Lehmann", "Der kleine Bruder") daran, das deutsche Lied gut aussehen zu lassen. In den zehn Eigenkompositionen des neuen, bereits zwölften Albums gelingt ihm das besser denn je. Die Musik, die Regener gemeinsam mit Gitarrist Jakob Ilja, Bassist David Young und Schlagzeuger Richard Pappik aus alter Gewohnheit zuerst ausarbeitet, bevor die Lyrics dazu geschrieben werden, ist diesmal recht countryesk ausgefallen. Für Regeners Texte passt sie perfekt.

Selbst wenn sich ein Reim nicht ganz ausgeht, hat man als Hörer sein Vergnügen daran und das Gefühl, dass es Absicht ist. In "Deborah Müller" etwa macht sich Regener einen Spaß daraus, einen Satz schier endlos auszudehnen und die Betonung an den Zeilenenden kunstvoll zu verstolpern: "Deborah Müller, frag lieber nicht, wohin / die Leute verschwunden sind, die gestern Abend noch …" Und so weiter. Wo, fragt man sich auch bei "Am Ende denk ich immer nur an dich", mag der Satz hinführen?

"Das ist beim Schreiben reizvoll und macht beim Singen wahnsinnig viel Spaß", erzählt der Hin-und-wieder-Brillenträger Regener. "Wie beim Cliffhanger einer Fernsehserie freut man sich immer schon auf die nächste Zeile und wie es weitergeht." Anstatt die deutsche Sprache als Bürde zu betrachten, begreift sie der gebürtige Bremer als Chance und versucht, dem Erzählen kleiner Geschichten in Liedform neue Facetten abzugewinnen. Schließlich will man sich auch selbst nicht langweilen: "Gut, wir haben ein paar Lieder mit knüppelharten Paarreimen. Es gibt jedoch auch andere Strategien. Der deutsche Schlager ist ja nicht zuletzt deshalb so peinlich, weil man merkt, dass in diesen Liedern Dinge oft nur des Reimes wegen getan werden. Ich bin froh, wenn ich dem Knittelvers mal entkommen kann."

Die funky Form kleidet altbekannte Inhalte neu ein. Im Grunde genommen singt Regener auf "Immer da wo du bist bin ich nie" – der Titel deutet es an – ganz gewöhnliche Liebes- und Sehnsuchtslieder. Nur dass bei ihm zuerst ein Kind schaukelt und dabei einen Schuh verliert, der auf ein Auto fällt, dessen Farbe sein wahres Alter nicht verrät und ihn damit endlich auf die Angebetete bringt, bis er sich im Refrain zur Kernaussage durchringt: "Am Ende denk ich immer nur an dich".

Die ein oder andere rausgerotzte Weisheit kann sich Regener natürlich ebenfalls nicht verkneifen. Die Erkenntnis "Wer die Monatskarte hat, sollte besser nicht am Monatsanfang sterben" ("Bitte bleib bei mir") werden wir uns auf jeden Fall merken – und den Kauf einer Jahreskarte noch mal überdenken. Und auch der gute Laune machende, kinderliedmäßige Refrain von "Der weiße Hai" hat irgendwie recht: "Freu dich nicht zu früh auf den Sommer / Weihnachten ist grade erst vorbei / Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein / Und im Fernsehen läuft, Der weiße Hai'."

Zur Musik sei nur gesagt, dass das Quartett nach knapp 25 Dienstjahren hier voll bei sich ist. Nachdem das vorletzte Album "Romantik" schon gar glatt war, hat man danach mit "Mittelpunkt der Welt" gut die Kurve gekratzt und gibt sich aktuell noch eine Spur folkrockiger, ohne in Americana-Formalismen zu verfallen. Mehr denn je sind Element of Crime heute eine ziemlich lässige Partie.

Regener könnte zufrieden sein. Regener neigt allerdings nicht zu übertriebener Selbstzufriedenheit: "Hinterher kann man immer sagen, es ist gut ausgegangen. Aber nur, wenn es gut ausgegangen ist."


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