"Small Global Tragedies" von Figure in Frame

Gerhard Stöger
FALTER 44/2009

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Das Cover zieren ein Häschen und eine Fliege, Kinder sollten aber lieber ihre Finger lassen von "Aloha" (Noise Appeal), dem neuen Album der Grazer Band The Striggles. Das Quartett um Robert Lepenik setzt seinen 2008 mit "Expressionism" eingeschlagenen Weg konsequent fort und mischt Noiserock mit ausgeprägter Lust am Free-Rock-Experiment sowie einer mehr oder weniger liebevoll in Säure eingelegten Form von Blues.
Intensität, Druck und prächtige Stumpfheit wechseln sich ab mit vertrackten Passagen, abgründigem Humor und auch Leisetretern, wobei die Ruhe stets etwas Bedrohliches hat, selbst wenn der Lärmeinbruch dann doch nicht stattfindet. Musik für Buben, die immer schon von einer Kooperation zwischen Jesus Lizard und Captain Beefheart träumten.
Als Gastmusiker ist Lepenik auch auf "Pass" (Noise Appeal / Rock Is Hell) zu hören, dem neuen Album des ebenfalls steirischen Duos Reflector. Mit wuchtigem Schlagzeugspiel und einer weniger kreischenden, vielmehr brummenden und dröhnenden Gitarre fabriziert man vornehmlich ins­trumental gehaltenen Nickelbrillen­metal ohne strenges Stildiktat.
Dramaturgisch geschickt aufgebaut, gehen Disziplin und Räudigkeit Hand in Hand, und ein eineinhalbminütiges Metalpunkbrett steht problemlos neben dem langen Songfluss, der natürlich nie ein ruhiger, sondern stets ein von Wirbeln durchsetzter ist. Musik für Kurzhaarmetaller, deren Luftgitarren extratief hängen.
Das Wiener Trio Lausch vermag da nicht ganz mitzuhalten. "Friend of the Captain" (LiMuPic) bietet teils knackigen, teils etwas zu episch geratenen Alternative Rock amerikanischer Prägung. Das Handwerk ist einwandfrei, am Herzen vermögen Lausch aber nicht zu rühren. Musik für Männer mit schlechter Frisur, die kein Pearl-Jam-Livealbum auslassen.
Wie die Striggles haben auch
Figure In Frame ein Insekt am Cover, dazu noch ein verschwommenes Kleinkind. Hier lauert aber keine Gefahr für die lieben Kleinen. Hin- und hergerissen zwischen postpubertär und frühzeitig altklug spielt das junge Wiener Quartett auf seinem Debüt "Small Global Tragedies" (Pate) gefälligen Schwermutpoprock in semiakustischer Ausfertigung, der mal zum Träumen, dann wieder zum Tänzeln einlädt. Musik für die kleinen Schwestern also.


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