"Third Dream" von Vienna Art Orchestra

Klaus Nüchtern
FALTER 45/2009

Third Dream
Vienna Art Orchestra
Extraplatte 2009

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Ein halbes Jahrhundert nachdem der Komponist Gunther Schuller den auf die Synthese von Jazz mit zeitgenössischer E-Musik zielenden Begriff des Third Stream geprägt hat, verschreiben sich Mathias Rüegg und sein Vienna Art Orchestra nun einem "Third Dream" und kehren damit nach knapp drei Jahrzehnten zu ihrem Debüt-Label Extraplatte zurück. Das 19-köpfige, in Jazzsolisten, Blech- und Holzbläser, Streicher sowie Rhythmusgruppe unterteilte Ensemble versteht sich, wie manche der Titel – "After Decades of Doubts", "Adieux, Lost Century", "Attaining Eternity" – andeuten, offenbar als eine Art Projektgruppe des musikalischen Post-Histoi­re: In kulinarischen Arrangements, in denen vor allem das Rohrblatt (Harry Sokal, Joris Roelofs) und die Stimme (Corin Curschellas) die Soloparts übernehmen, läuft man ein in den sicheren Hafen, in dem sich die Stürme der Geschichte gelegt haben, alles lichte Klassik ist und Rüegg mit Gershwin und Weill entspannt im Hot-Whirlpool sitzt.
Für diese Form der Abgeklärtheit sind die 19 Mitglieder des von Daniel Riegler geleiteten Studio Dan noch zu jung. Dabei könnte man das gar nicht bescheiden dimensionierte Doppelalbum "Creatures & Other Stuff" (Jazzwerkstatt Records) durchaus auch als Third Stream durchgehen lassen, wobei das um Streicher und Holzbläser aufgefettete Jazzensemble auch noch Elektronik, Groovemusic & eine Prise Rock mitnimmt. Anstatt zeitlosen Klassizismus anzustreben, versieht man die Postmoderne mit ein paar Ecken und Kanten, ohne dass der Eklektizismus zwischen Noise und Neuer Musik, Dancefloor und Dadaismus im fröhlichen anything goes aufginge. Das Bestechende an diesem sympathisch größenwahnsinnigen, zwischen hysterischer Überdeterminiertheit und lässigem Understatement changierenden (auch vor Durchhängern nicht gefeiten) Album ist der Umstand, dass die sehr unterschiedlichen Strategien, Spannung und Dynamik zu erzeugen – von der aphoristischen Askese ephemerer Improvisation bis zur großen Gospelfreejazzweltumarmungsemphase –, kaum je beliebig wirken. Ein erfreulicher Beleg für die Vitalität der jungen heimischen Jazzszene, die damit die vom Vienna Art Orchestra begonnene und von Nouvelle Cuisine aufgenommene Wiener Bigband-Tradition in dritter Generation fortsetzt.


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