Jugend erfolgreich verschwendet

"Eight Lost Tracks" von Monoton

Gerhard Stöger
FALTER 46/2009

Eight Lost Tracks
Monoton
Oral/Iris - 2008
0,00

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Neu aufgelegt: der Wiener Multimediakünstler Konrad Becker als Elektronikpionier Monoton

Ob das Wien der ausgehenden 70er tatsächlich so tot war, wie es immer heißt? Konrad Becker lacht. "Wien war eine der totesten Städte der Welt – und geistig sehr isoliert", sagt er.
"Der Muff von 1000 Jahren hat sich ja erst unter Kreisky ein wenig gelichtet. Aber Wien hatte auch seinen Charme: Die Szene war klein, überschaubar und fast familiär, bei aller Heterogenität hat sie sich gemeinsam gegen die sogenannten Alternativen abgegrenzt, die verspießerten Restbestände der 60er – und gegen den Dinosaurierrock."
Als junger Hupfer war der heute 50-Jährige mittendrin, als die kulturellen Umbrüche der Punk- und New-Wave-Ära auch Wien erreichten. Seitdem prägt Becker das alternativkulturelle Leben der Stadt.
Der Multimediakünstler, Theoretiker und Netzpionier hat das Institut für neue Kulturtechnologien/t0 gegründet, aus dem wiederum die Public Netbase und das World-Information Institute hervorgegangen sind; allesamt Einrichtungen zur Wissensvernetzung und Reflexion moderner Informations- und Kommunikationstheorien.
Becker ist in dieser Stadt also kein Unbekannter. Dass der passionierte Anzugträger unter dem Pseudonym Monoton auch eine Vergangenheit als Pionier der elektronischen Musik hat, wissen aber nur wenige.
Dabei werden die einst in geringer Auflage im Eigenverlag erschienenen Monoton-Schallplatten unter Sammlern weltweit um dreistellige US-Dollar-Beträge gehandelt; das britische Avantgardepopfachblatt Wire nahm das Doppelalbum "Monotonprodukt 07" Ende der 90er gar in seine Liste der "100 records that set the world on fire (when no one was listening)" auf.

Die solcherart kanonisierte Mischung aus neutönender Abenteuerlust und formaler Strenge, aus Electronica, prätechnoidem Minimalismus und der in Musik übersetzten Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Gesetzlichkeiten wurde bereits 2003 als CD wiederaufgelegt; inzwischen hat das kleine kanadische Elektronik-label Oral alle Monoton-Platten neu herausgebracht.
Das charmant verrauschte Debüt "Blau" aus dem Jahr 1980 ist ein erstaunlich eigenständiges Herantasten an die Möglichkeiten elektronischer Produktionsweisen; harsch Tönendes steht neben Tracks, in denen die Maschinen kräftig an der Wasserpfeife ziehen durften.
Das deutlich professioneller tönende "Monotonprodukt MCMLXXXIX" gab sich 1989 beinahe tanzbar. "Eight Lost Tracks" komplettiert die Werkaufarbeitung mit bislang großteils unveröffentlichten Arbeiten aus den frühen 80ern. Zudem gibt es eine klangtechnisch verbesserte Version des Schlüsselwerks unter dem Namen "Monotonprodukt 07 27y++".
"Mir war damals einfach eines klar: Wenn ich was Bestimmtes hören möchte, muss ich es selber machen", erinnert sich Becker an die Anfänge von Monoton. Verwendet wurde, was verfügbar war; vom Töne ausspuckenden Casio-Taschenrechner über geborgte Synthesizer bis zu frühen Drumcomputern, die Profimusiker gekauft und gleich wieder verramscht hatten. "Die waren damals alle enttäuscht und haben mir lang und breit erklärt, dass diese Maschinen nie wie richtige Schlagzeuger klingen würden. Eh nicht, dachte ich mir – sie klingen viel besser!"
Reguläre Monoton-Konzerte fanden kaum statt, dafür diverse Installationen und Klangkunstabenteuer. Als der Stephansplatz für den U1-Bau aufgebuddelt war, gab es dort eine achtstündige Monoton-Performance in der Baugrube; eine ehemalige Knopffabrik in der Westbahnstraße wurde von Becker und seinem Umfeld zum Studio, Wohn- und öffentlichen Kunstort umfunktioniert. Bisweilen konnte man Monoton auch in Wirtshaushinterzimmern erleben, in denen ansonsten die lokale Punkszene verkehrte.
Credibility-Probleme hatte Becker keine. "Ich war den Punks doch zu ausgefallen und seltsam, als dass sie mich als ‚Scheißintellektueller' beschimpft hätten. Außerdem bin ich damals noch nicht immer im Anzug herumgelaufen, sondern ich hatte auch den Kampfanzug zur Auswahl. Irgendwann bin ich aber draufgekommen, dass man damit nicht so wirklich unauffällig ins Stadtbild passt, seitdem verzichte ich darauf."
Die berüchtigten drei Akkorde des Punk sucht man bei Monoton vergeblich. "Mit Rock kann man mich jagen", sagt Becker. "Ich höre lieber den Klang der Maschinen, für mich ist das in gewisser Weise eine reinere Form von Musik."
Seine Biografie aber ist punk­typisch. Studiert hat der Wiener nie, nicht einmal einen Schulabschluss hat er vorzuweisen. Dafür trieb er sich als Jugendlicher in der Welt herum, erkundete Europa, lebte in Amsterdam und London. Irgendwann kam er per Autostopp gar bis nach Pakistan.
"Meine verschwendete Jugend als Tunichtgut hatte den Nebeneffekt, dass ich viel Zeit mit Künstlern und ihren teils phänomenalen Plattensammlungen verbrachte", beschreibt Becker seinen Background. "Meine frühe Teenagerzeit habe ich auf einer Diät von psychedelischem Freejazz absolviert, gleichzeitig hatte ich immer eine starke Neigung zu elektronischer Musik – bis hin zu Kraftwerk, die ich irgendwie immer noch cool finde. Dazu kam ein ausgeprägtes Interesse für schamanistische Musik und psychoaktive Musikformen aus aller Welt. Aus alledem hat sich Monoton amalgamiert."

Mit Punk verband Monoton die Idee,
dass jeder ein Musiker sein kann. "Wächst man in Wien auf, so kann man zumindest einen Hass ­entwickeln: den auf den vermeintlichen Virtuosen. Diese Kultur der Goldkehlchen und Maestros hatte ich wirklich satt. Von der Attitüde des Nichtvirtuosen bin ich nach wie vor überzeugt. Mich hat es nie interessiert, wie toll man mit den Fingern klimpern kann."
Ob sich Becker selbst je als Musiker verstanden hat? "Nein, das wäre mir zu eng gegriffen gewesen. Interdisziplinär, multimedial, das ganze 360-Grad-Panorama war das Thema." Als Künstler? "Mir war dieser Gestus und die daran angeschlossene Maschinerie schon damals suspekt. Fröhliche Forschung, autonome Wissensbildung – das trifft es wohl am ehesten."
Anlässlich der CD-Reissues ist Konrad Becker kürzlich in Montreal und New York aufgetreten, in Wien ist vorerst keine Präsentation geplant. "Ich werde diesbezüglich nicht selber aktiv und spiele nur, wenn ich wo eingeladen werde. Mich aufzudrängen, liegt mir fern."


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