"Chicago Volume" von Ken Vandermark, Paal Nilssen-Love

Klaus Nüchtern
FALTER 49/2009

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Das Format Sax + Schlagzeug ist nicht unbedingt der größte Quotenbringer des Jazz, hat aber seine eigene Geschichte, und in dieser stellt der neu aufgelegte Livemitschnitt von Max Roach & Archie Shepp beim Jazzfestival Willisau 1979 einen Meilenstein dar. Die beiden einleitenden Einzelauftritte von "The Long March" (2 CDs, Hatology) weisen den Weg: Roachs supertrockenes, ebenso kontrolliertes wie lässiges Drumsolo "J.C. Moses" und Shepps aus den Tiefen der Webster/Hawkins-Schule aufsteigender saxofonistischer Sprechgesang über "Sophisticated Lady." Die Duos der beiden dezidierten Exponenten politisch engagierten Jazz' leben nicht zuletzt vom musikalischen Kontrast: Hier der mathematisch präzise Zerebralzeugler, der auf dem 26-minütigen Titelstück seine Snare-Attacken wie ein eleganter Boxer platziert; dort der zwischen zärtlicher Eloquenz und feuriger Agitation changierende Sax-Heißsporn. Und wie Roach, unbeeindruckt von der Rhetorik seines Partners, mit dem Hi-Hat einen schleppenden Beat markiert (und ansonsten weitgehend beckenabstinent bleibt), trägt entscheidend zur Melancholie von "South Africa Goddamn" bei.
Ein Faible für Drummer hat auch Ken Vandermark, der u.a. mit Tim Daisy, Paul Lytton, Paul Lovens und – nicht mit Letzterem zu verwechseln! – dem Norweger Paal Nilssen-Love (der übrigens am 24.12. seinen 35. Geburtstag feiert) im Duo gespielt –unlängst auch in Wien. Das Bestechende an den beiden Alben (zwei von rund 20 heuer schon erschienenen Vandermark-CDss) ist die emotionale und expressive Bandbreite, die in den bis zu einer halben Stunde währenden Improvisationen (die auf den CDs angeführten Zeiten sind praktisch frei erfunden) abgeschritten wird. "Milwaukee Volume" (SMJZ) etwa beginnt sehr zurückhaltend mit Vandermark an der Klarinette und als Paarlauf mit viel Bewegungsfreiheit und kulminiert nach dem Wechsel von Tenor- auf ein perkussiv eingesetzten Bariton-Sax in einem sehr tighten Crescendo. Das Eingangstück auf "Chicago Volume" hingegen beginnt und endet mit harddriving powerplay am Tenor, das auch an die Verdienste Vandermarks um die Funkifizierung des Free Jazz erinnert, leistet sich dazwischen aber den Umweg durch eine Ebene, die auf der klangexplorativ bis kontemplativ aufgelegten Bassklarinette sehr gemächlich durchmessen wird.


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