"The Pursuit" von Jamie Cullum

Klaus Nüchtern
FALTER 52/2009

The Pursuit
Jamie Cullum
DECCA BLAC 2009
€ 10,90

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Wer die Geschichte, wie Johnny Hartman und John Coltrane 1963 ins Studio gegangen sind, jetzt nicht so parat hat, braucht sich nicht grämen, Kurt Elling erzählt sie auf diesem Livemitschnitt eh noch einmal. Ans Original, auf dem das Quartett, das nur ein Jahr später "A Love Supreme" einspielen sollte, mit dem Sänger einige Perlen des Great American Songbook zum Besten gab, reicht "Dedicated to You" (Concord) aber nicht heran: Das zusätzlich eingesetzte Streichquartett wirkt eher deplatziert, Ernie Watts' Saxofon und Ellings sehr sonore, freilich auch zu erratischen Expressionismen neigende Stimme wechseln einander ab, schaffen es aber selten, in ein echtes Spannungsverhältnis zu treten.
Vollkommen spannungsfrei sind die Einspielungen, die Willie Nelson auf "American Classic" (Blue Note) von zwölf an sich zerstörungsresistenten Songs gemacht hat. Bei der Schubkraft von "Fly Me to the Moon" kommt die Rakete maximal bis Hütteldorf. Dass der Mann nicht wirklich singen kann, fällt im Duett mit Diana Krall schon auf (jenes mit Norah Jones besitzt immerhin einen Funken Charme). Wie Nelson "Angel Eyes" interpretiert – so als müsste er bei jedem Intervall, das über eine Terz hinausgeht, eigens Atem schöpfen –, tut aber echt weh.
Das schiere Gegenteil ist die hochenergetische Performance des 30-jährigen Jamie Cullum, der zu Beginn von "The Pursuit" (Decca) mit "Just One of Those Things" seine Pflicht in Sachen Klassikpflege (gemeinsam mit dem Count Basie Orchestra) souverän erledigt, um sich hinfort poppigen Eigenkompositionen zu widmen: Auf seinem "Mixtape" finden sich, wie er bekennt, sowohl Louis Armstrong als auch Nine Inch Nails. Man muss diese hochperkussiv und -effektiv produzierte Musik, die keine Umwege und Gefangenen macht, nicht mögen, aber der Kerl kann was.
Mit Anstand und Würde arbeitet sich Rosanne Cash auf "The List" (Manhattan) an der Songliste ab, die ihr Vater für sie erstellt hat. Die Sehnsucht nach dem Mann, der Mama, dem Mississippi kommt über gemächliches Midtempo zwar kaum hinaus, erzeugt aber einen sanften Sog und überzeugt in ihrer Ökonomie; weswegen auch nicht unbedingt eines der Duette (mit Bruce Springsteen, Elvis Costello, Rufus Wainwright …) herausragt, sondern das reduktionistische "500 Miles" – Spannung durch Schlichtheit!


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