"Fantasien/Sonaten/Fugen/+" von Maude Gratton, Wilhelm Friedemann Bach

Carsten Fastner
FALTER 3/2010

Fantasien/Sonaten/Fugen/+
Maude Gratton, Wilhelm Friedemann Bach
MIRARE 2009
€ 21,70

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Sein Leben war so zerrissen wie seine Musik voller Gegensätze und sein Ruf ambivalent. Wilhelm
Friedemann Bach (1710–1784), der älteste der vier komponierenden Bachsöhne, galt früh schon als deren genialster – und zerbrach tragisch am hohen Erwartungsdruck.
Nach soliden Anstellungen in Dresden und Halle musste er sich – zu früh für seine Zeit – in Berlin als freier Künstler durchschlagen. Der Meister des musikalischen Helldunkels starb im Halbdunkel einer verarmten, verbitterten Existenz.
Bezeichnend der ironische Nachruf der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung, der Friedemann mit seinen
erfolgreichen Brüdern verglich: "Friedemann trank und schrieb dann nicht. Emanuel trank nicht und schrieb. Christian trank und schrieb dann."
Bis heute steht Friedemann im Schatten dieser beiden und übertrifft allenfalls den biederen Johann Christoph. Aus Anlass seines 300. Geburtstags wurde nun eine ältere Aufnahme von Waldemar Döling wiederveröffentlicht, die "Virtuose
Cembalomusik" aller vier Bachsöhne gegenüberstellt (MDG/Gramola).
Dölings Auswahl durchaus je charakteristischer Stücke ist gut getroffen, macht individuelle Unterschiede hörbar – und viel Lust auf mehr von Friedemann. Doch das ist selbst im Jubiläumsjahr nicht so einfach.
Lediglich ein ganz ihm gewidmetes Album ist bisher erschienen. Das immerhin ist großartig.
Die junge französische Cembalistin Maude Gratton lässt sich in einigen "Fantaisies, Sonates, Fugues, Polonaises"
(Mirare/Lotus) ganz auf Friedemanns schmerzensreich mäandernde Chromatik, seinen grüblerischen Einfallsreichtum, sein pochendes Beharren auf formalen Freiheiten ein – und zeichnet so das klingende Selbstbildnis eines hochoriginellen, durchaus eleganten, aber auch etwas wunderlichen Komponisten nach.
Eines Komponisten, der es wert wäre, dass sich auch prominente Interpreten seiner Musik annähmen. So wie es der Countertenor Philippe
Jaroussky gerade hinreißend mit
Johann Christian Bach getan hat, der auf "La dolce fiamma" (Virgin) einige "vergessene" Kastratenarien des jüngsten Bachsohnes zusammenstellte. Denn diesem katholischen Ausreißer der Bachfamilie, der Mozart so stark beeinflusste, steht Friedemann auf seine schroffe Art in nichts nach.


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