"Bei Disco hat man weniger Worte"

"24/7" von Die Sterne

Sebastian Fasthuber
FALTER 15/2010

24/7
Die Sterne
MATERIE RECORDS 2010
€ 11,40

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Frank Spilker, der Sänger von den Sternen, über Disco, Karrieren und Sex ohne Kondom

Seit 18 Jahren zählen die Sterne zu den wichtigsten deutschsprachigen Rockbands. Nicht immer jedoch finden sie mit ihren Platten auch Gehör. Neben den bekannteren Tocotronic und Blumfeld sind sie die etwas übersehenen Helden der Hamburger Schule. Auf ihrem neunten Studioalbum "24/7" marschiert die immer schon stark von Soul- und Funkmusik beeinflusste Gruppe nun trotzig in die Disco. Das Motto der Veranstaltung: "Wohin zur Hölle / Mit den Depressionen? / Ich geh in die Disco / Ich will da wohnen." Sänger, Texter und Gitarrist Frank Spilker erklärte am Telefon das Was, das Wie und das Warum.

Falter: "24/7" wird als Discoalbum verkauft. Ist das in Ihrem Sinne?
Frank Spilker: Disco ist natürlich ein weiter Begriff. Es kommt darauf an, ob man John Travolta darunter versteht oder Giorgio Moroder.
Vermutlich meinen Sie eher Moroder?
Spilker: Auch das trifft nicht wirklich auf unsere Platte zu. Es geht mehr um eine Ableitung von Disco. Momentan gibt es ja sehr viele DJs und Elektronikprojekte, die sich mit der Geschichte von Disco auseinandersetzen und dafür auch Bass, Gitarre und Schlagzeug in die Hand nehmen. Das hat zwar was von Retrochic, aber grundsätzlich können wir mit dieser Soundästhetik schon etwas anfangen. Wobei wir auch No Wave und Postpunk reinnehmen. Und wir bringen noch unsere eigene Geschichte und unser Verständnis von Funk und Groove mit.
Also nichts mit Hedonismus und Eskapismus?
Spilker: Privat schätze ich diesen Moroder-Sound schon. Die Rhythmusmaschine einschalten, den Sequencer abfahren und eine sexy Frauenstimme draufpacken – das waren damals neue Errungenschaften. Ich schätze auch manche Frank-Farian-Sachen aus den 70ern, weil die teilweise durchaus originell waren. Das mag ich alles mögen, aber es hat mit dieser Sterne-Platte im Grunde nichts zu tun.
Was ist dann der Sterne-Ansatz? Statt sexy Frauenstimmen eine traurige Männerstimme?
Spilker: Das trifft es schon eher. (Lacht.) Zu unserer Ehrenrettung muss ich sagen, dass wir aber auch zwei sexy Frauenstimmen drauf haben. Eine davon ist meine Tochter, die auch mitsingt.
Sie haben diesmal mit dem Münchner Disco-Strizzi Mathias Modica alias Munk gearbeitet. Keine Verständigungsschwierigkeiten zwischen Hamburg und München?
Spilker: Mag sein, dass es da andere Lebensarten gibt, aber das spielte im Studio keine Rolle. Wir haben vorher kaum was voneinander gehört, weil wir musikalisch in anderen Sphären existieren. Um die Hamburger Schule hat Mathias einen großen Bogen gemacht. Interessant war für mich zu entdecken, dass es doch eine große Schnittmenge gibt. Über sein Gomma-Label habe ich kürzlich gelesen, es sei die ständige Vertretung des LCD Soundsystem in München. Da haben wir uns getroffen.
Singt sich Disco eigentlich anders als Pop oder Rock?
Spilker: Das nicht unbedingt, aber es textet sich anders. Bei Disco hat man weniger Worte zur Verfügung. Wir haben viel mit Echoeffekten auf meiner Stimme gearbeitet. Wenn man im Bewusstsein textet, dass jedes Wort als Echo wiederholt wird und die Worte ineinanderfließen, muss man sich sehr beschränken.
Die ersten Discoplatten wurden noch von Schlagzeugern eingespielt, die ewig Bumm-Bumm trommeln mussten. Wie ist das Verhältnis zwischen Instrumenten und Studiotechnik auf "24/7"?
Spilker: Ich glaube, der Studioanteil wird bei uns überschätzt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir oft die Gitarre weggelassen und sie durch etwas klischeehafte oder effekthascherische Keyboardsounds ersetzt haben. Aber im Grunde ist es eine sehr analoge Produktion. Wir haben das als Band aufgenommen und die digitalen Möglichkeiten des Studios nur sehr vorsichtig ausgenutzt. Vor zehn Jahren auf "Wo ist hier" haben wir wesentlich mehr mit Sampling und solchen Sachen gearbeitet.
Es ist viel Keyboard zu hören, obwohl Ihr Keyboarder Richard von Schulenburg während den Aufnahmen ausgestiegen ist. Wie kam es dazu?
Spilker: Wir hatten schon länger das Gefühl, wir bremsen uns gegenseitig aus. Bei entscheidenden Fragen in der Produktion merkten wir, dass Richard was anderes will. Und bei diesem Album hatten wir sehr stark das Gefühl: Wenn wir Kompromisse machen, wird das eine langweilige Platte. Letztlich war die Entscheidung, sich zu trennen, für das verbleibende Trio befreiend.
Die Sterne betreiben nun auch ihr eigenes Label, Materie Records. Bei aller Unabhängigkeit: Ist das nicht furchtbar zeitraubend?
Spilker: So schlimm ist es gar nicht. Es war für uns ein logischer Schritt. In Anlehnung an den Autorenfilm waren wir immer schon eine Autorenband und haben zumindest mitbestimmt, wo welches Geld ausgegeben wird. So viel hat sich nun eigentlich nicht geändert. Ich muss jetzt noch zusätzlich die Albumproduktion selbst finanzieren und zwei, drei Monate zusätzlich den Job eines Produktmanagers machen.
Die Kritik der Platte in der Musikzeitschrift Spex hat sich auf den Song "Ein Glück" eingeschossen. In dem träumen Sie von einem perfekten Tag und "Ficken ohne Kondom".
Spilker: Die Spex ist da schon bieder. Mein Problem mit dieser Kritik ist aber mehr, dass sie den Bonustrack, den manche Leute gar nicht hören werden, in den Mittelpunkt stellt. Der Song ist aus einem Beitrag von mir zum Thema "Mein schönster Tag" für die Süddeutsche Zeitung entstanden. Ich habe da so Klischees aufgezählt. Im Prinzip ist der Wunsch nach Ficken ohne Kondom aber nur ehrlich. Es scheint ja auch der Wunsch nach einer festen Beziehung durch. Witzigerweise finde ich den Text bei dem Stück wesentlich gelungener als die Musik. Das ist ein schönes Stück Lyrik mit nicht ganz perfekter Vertonung, deshalb wurde es auch nur ein Bonustrack.
Ihnen wurde auch schon öfter vorgeworfen, Sie hätten es – im Gegensatz zu Jochen Distelmeyer oder Tocotronic – nicht geschafft, ihre Nische klar zu definieren.
Spilker: Auch das ist von einem linken Medium ein absurder Vorwurf. So etwas einzufordern ist ein bildungsbürgerliches Klischee und der endgültige Abschied von Punk. Mich regt das auf, und ich verstehe es auch nicht ganz. Ich weiß nicht, wo die damit hinwollen.
Aber es muss Sie doch wurmen, dass Ihre Band nach einer populären Phase Mitte der 90er-Jahre heute nicht mehr so stark wahrgenommen wird.
Spilker: Ach, die aktuelle Platte kommt eigentlich sehr gut an. Auch die letzten zehn Jahre waren nicht so schlecht, wie man glauben könnte. Wir haben eine sehr treue Fangemeinde, die mit uns mitwandert.
Aber es gab schon länger keine Hits mehr.
Spilker: Was uns sicher bremst, ist der fehlende Respekt vor den Gesetzen der Marktpolitik. Wir sind mit "Was hat dich bloß so ruiniert" so bekannt geworden, dass wir ständig auf MTV und Viva liefen, und haben dann mit "Trrrmer" eine völlig andere Art von Stück nachgeschoben. Solche Entscheidungen machen die Band schwerer verkäuflich, halten sie für mich aber auch spannend. Und rein künstlerisch sind wir momentan nach einer längeren Phase des Suchens auf einer sehr guten Spur.

Live am 21.4. im Wuk


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