Neue Allianzen in der Welt von gestern

"Broken Bells" von Broken Bells

Sebastian Fasthuber
FALTER 10/2010

Broken Bells
Broken Bells
Columbia/Sony BMG 2010

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Zwei extreme Poppositionen: die Minisupergroup Broken Bells und die Comicband Gorillaz

Future oder retro? Die Grenzen zwischen gestern und morgen verschwimmen in der Popmusik von heute immer mehr. Nehmen wir nur ­Brian Burton alias Danger Mouse. Der US-Produzent hat seine Karriere mit Samplingkunst im Internet begonnen, als er 2004 das "White Album" der Beatles mit dem "Black Album" von Hip-Hopper Jay-Z zu einem "Grey Album" vermantschkerte. Mash-up wurde als Begriff für diese Me­thode geprägt.
Ein paar Jahre später sitzt ­ebenjener Danger Mouse mit dem Sänger James Mercer, Vorsteher der kreuzbiederen Indierockkapelle The Shins, in seinem Studio in L.A. zusammen und nimmt unter dem Bandnamen Broken Bells auf völlig konventionelle Weise ein Popalbum auf.
Sogar die Instrumentenverteilung findet sich in der Manier der guten alten Zeit auf der Rückseite des Covers aufgelistet: "James Mercer – Vocals, Guitars, Bass. Danger Mouse – Drums, Organs, Piano, Synthesizers, Bass."
Was ist passiert? Nicht viel. Jedenfalls ist Danger Mouse nicht über Nacht vom Modernisten zum Bewahrer geworden. Wahrscheinlich war er immer schon beides gleichzeitig. Der 32-Jährige steht als Figur paradigmatisch für eine Verschiebung der Werte in der Popkultur, die mit sich bringt, dass zur Klassifizierung von Musik gern hinzugezogene Gegensatzpaare wie alt/neu oder konservativ/innovativ obsolet
geworden sind.

Alles geht: Mal, mit Gnarls Barkley, retro­lastigen Sixties-Soul produzieren, der dann aber doch neuartig klingt und über­raschend die Charts stürmt. Dann, als Produzent, mit der Band The Shortwave Set seine Liebe zu altem Psychedeliksound ausleben oder den in der Mitte seiner Karriere feststeckenden Exhipster Beck auffrisieren. Nicht, dass die Auswahl seiner Mitstreiter und Jobs wahllos wäre. Danger Mouse scheint einfach ein vielseitig interessierter Kopf zu sein, für den die genannten Gegensätze nie existiert haben.
Dazu passt der Widerspruch zwischen seinem Ruf als Internetrebell und seinem auffälligen Hang zu Dinosauriern der Plattenindustrie. Gnarls Barkley veröffentlichten ihre Alben bei Warner, Broken Bells stehen bei Sony unter Vertrag. Sogar das 2009 Rechtsstreitigkeiten zum Opfer gefallene Allstaralbum "Dark Night of the Soul", das er zusammen mit Mark Linkous von Sparklehorse (der vergangenes Wochenende Selbstmord beging) und Regisseur David Lynch angezettelt hatte, wird heuer doch noch offiziell erscheinen. Via Emi.
James Mercer hat Danger Mouse vor fünf Jahren auf dem Roskilde-Festival in Dänemark kennengelernt. Man hielt losen Kontakt, eine erste Zusammenarbeit findet sich auf "Dark Night of the Soul" mit dem Stück "Insane Lullaby". In seiner Mischung aus glockenhellem Gesang und Störgeräuschen klingt der Song tatsächlich ziemlich verrückt.
Ganz anders das Debüt der Broken Bells, das frühe Rezensionen schon mit Zuschreibungen wie "enttäuschend konventionell" versehen haben. Die Revolution findet hier in den Details statt. Mercer singt den Blues des weißen Mannes. Man weiß nie so genau, wo ihn der Schuh drückt, aber ein bisschen traurig klingt er immer.
Danger Mouse hat sich erfolgreich darum bemüht, im Sound ein Ventil für die diffuse Melancholie der Stücke zu finden. Psychedeliktricks aus den 60ern und wohltemperierte Vintage-Orgeln treffen auf perfekt adjustierte Bassläufe, ein Streicherensemble, Synthesizermelodien und Bläser wie aus einem Spaghettiwestern.
Seine Produktion denkt diese disparaten Stile wohlgemerkt brillant zu einer Einheit zusammen. Man könnte höchstens bemäkeln, diese funktioniert fast zu perfekt: "Broken Bells" klingt recht gleichförmig.
Mit Damon Albarn verbindet Danger Mouse ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis. Er produzierte das Album von dessen Nebenband The Good, The Bad & The Queen und zuvor auch schon das zweite Gorillaz-Album "Demon Days", mit ihrem Genrehopping eine der quintessenziellen Popplatten der Nullerjahre.
Während Broken Bells in eine Richtung drängen, treiben Albarn und seine zahlreichen Mitstreiter und Gäste in der virtuellen Comicband auf deren drittem und angeblich finalem Opus "Plastic Beach" die Vielfalt zum Extrem. Der Triumph der Platte besteht darin, dass sie trotz gewöhnungsbedürftiger Allianzen wie dem Zusammenbringen eines libanesischen Orchesters mit Londoner Rappern doch Pop im besten Sinne ist, eingängig und mitreißend.

Als thematischer Bogen dient die Hintergrundgeschichte von der Emigration des Ober-Gorillaz Murdoc auf eine einsame Insel. Die entpuppt sich zwar als Plastikstrand, der buchstäblich aus dem Müll der Zivilisation gewachsen ist. Für Menschenfeind Murdoc erweist sich der Ort jedoch als bestens geeignet für eine geheime Kommandostation, von der aus er das Internet und den Rest der Welt mit Botschaften und Sounds bombardieren kann.
"Plastic Beach" sendet undeutliche Signale, die oft Hip-Hop-lastig klingen, manchmal nach Electro oder gar nach moderner Klassik. Die Liste der Gäste ist hochkarätig und sensationell heterogen. Eröffnen darf den Reigen ausgerechnet Rapentertainer Snoop Dogg, aber auch ein glänzend gelaunter Mos Def ist mit von der Partie. Die Soullegende Bobby Womack hat zwei starke Auftritte, Lou Reed klang seit Ewigkeiten nicht mehr so lässig wie hier. Und die skandinavisch-japanische Sängerin Yukimi Nagano ist eine echte Entdeckung.
Eine gruppendynamische Übung dieser Dimension kann nur klappen, wenn einer den Überblick behält. "Plastic Beach" ist das Baby von Damon Albarn und stellt die Summe von dessen vielseitigen musikalischen Bemühungen jenseits von Blur dar.
Viele Britpop-Fans haben bis heute nicht verstanden, warum der Mann sich für afrikanische Musik begeistern kann oder mit Hip-Hoppern gemeinsame Sache macht. In Gorillaz steckt er all diese Reiseerfahrungen und destilliert daraus aufregende Popmusik fürs beginnende 21. Jahrhundert. Ein bisschen Zukunft geht immer noch.


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