Vergessene Moderne

"Vergessene Moderne" von Julia Rebekka Adler, Thomas Ruge, Otto Siegl, Rebecca...

Carsten Fastner
FALTER 15/2010

Vergessene Moderne
Julia Rebekka Adler, Thomas Ruge, Otto Siegl, Rebecca...
Neos - 2009
0,00

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An seinem Anfang, da war das 20. Jahrhundert noch voller Möglichkeiten, eiferten Komponisten um die kühnsten Zukunftsvisionen. In Wien zum Beispiel glaubte einer, durch seine neue "Kompositionsmethode mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" die "Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre" gesichert zu haben, während seine avantgardistischen Kollegen in Russland davon träumten, mit ihrer revolutionären konstruktivistischen Musik den sozialistischen Fortschritt befördern zu können.
Arnold Schönberg, der selbstbewusste Wiener, lag mit seiner Prognose besser (siehe auch Feuilleton, Seite 30). Jedenfalls prägte er die Musikgeschichte weit nachhaltiger als etwa Nikolaj Obuchow, Ivan Wyschnegradsky und Sergej Protopopow. Der deutsche Pianist Thomas Günther hat von diesen dreien einige "Klavierwerke um den russischen Futurismus" eingespielt (Cybele) und gibt auf seinem auch textlich hervorragend edierten Album eine Ahnung davon, wie die Musikgeschichte auch hätte verlaufen können, wäre die künstlerische Freiheit in der Sowjetunion ab 1929 nicht so brutal unterdrückt worden.
Auch im Westen hatte es in der ersten Jahrhunderthälfte noch interessante Alternativen zu Schönbergs (erst nach dem Krieg wirklich dominant gewordener) Vision gegeben – den Neoklassizismus etwa. Julia Rebekka Adler und Thomas Ruge haben unter dem Titel "Vergessene Moderne" (Neos) sieben Beispiele dafür in der reizvollen Besetzung für Violine und Cello ausgewählt und bringen damit Komponisten wie Otto Siegl, Rebecca Clarke, Günter Raphael und Siegmund Schul in Erinnerung.
Bezeichnend für die stilistische Zukunftsoffenheit der Zwischenkriegszeit ist auch das Werk des deutsch-russischen Busoni-Schülers Wladimir
Vogel, dessen – meist in Miniaturform gehaltenes – Klavierwerk Kolja Lessing auf zwei CDs aufgenommen hat (Gramola). Neben frühen Versuchen im spätromantischen Ton über Experimente in Expressivismus und Reihentechnik finden sich da auch echte Zwölftonkompositionen.


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