Maschinenmensch statt Menschmaschine

"Elektro Guzzi" von Elektro Guzzi

Florian Obkircher
FALTER 20/2010

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Juni 2009. Das Kunstmagazin Spike lädt zur Party ins Gartenbau-Kino, neben DJ-Namen steht auf dem Flyer "Live: Elektro Guzzi (Techno-Tanzband)". Wenig ist über das Trio bekannt, eine Platte gibt's noch nicht, die meisten Besucher sind ohnehin zum Plaudern und der Magazinspräsentation wegen gekommen.
Bis Elektro Guzzi die Bühne betreten. Drei unauffällige Typen, Anfang 30, Blick nach unten gerichtet. Die Besetzung – Gitarre, Bass, Schlagzeug – lässt auf eine Rockband schließen. Ein Irrtum. Bernhard Hammer hat Metallklammern auf seine Gitarrensaiten gezwickt, an Jakob Schneidewinds Bass klebt ein langhalsiges Mikrofon, vor den beiden ein Minenfeld aus Effektpedalen.
Bernhard Breuer an den Drums legt los. Perkussiv, reduziert, dubbig. Kein Ton zu viel. Es groovt und scheppert, pocht und hallt. Lupenreiner Techno dringt aus den Boxen. Drum-Computer oder Synthesizer sucht man allerdings vergeblich auf der Bühne.

Stattdessen hämmert Breuer auf silberne Küchenschalen an seiner Snare-Drum ein und kickt die Bass-Drum mit voller Wucht. Während die Leute in der ersten Reihe den Musikern auf die Finger schauen, fasziniert von den Sounds, die sie ihren Instrumenten entlocken, haben die hinteren vermutlich gar nicht bemerkt, dass der DJ längst an der Bar steht und die Band das Ruder übernommen hat.
Mai 2010. Elektro Guzzi sitzen in der Küche von Patrick Pulsingers Feedback-Tonstudio. Hier in Margareten haben sie vor einigen Monaten ihr Debütalbum aufgenommen. Und sind auch dabei ihrem Konzept treu geblieben: Techno, live eingespielt und handgemacht. Kein Synthesizer, keine Overdubs, kaum Nachbearbeitung – Reduktion als Inspiration.

"Als Musiker reizt mich an Techno, dass du ganz anders denken musst", sagt Drummer Breuer, der, wie auch seine Bandkollegen, sein Instrument am Konservatorium studiert hat. "Im Techno ist alles viel vertikaler als in der Rockmusik, die Zeitebene hat eine ganz andere Bedeutung. Eigentlich ist Techno wirklich das Fremdeste, was du als Musiker spielen kannst."
Dementsprechend erinnert das Trackwriting im Proberaum an den Arbeitsprozess von Laptop-Musikern: Teils tüftelt die Band stundenlang an einem einzigen Takt, verfeinert die Sounds und Strukturen durch ausgefeilte Präparierungen der Instrumente. "Im Prinzip sind wir eine Drum-Machine und zwei Synthesizer", sagt Schneidewind und bringt das Projekt Elektro Guzzi damit gut auf den Punkt: Die Band dreht Kraftwerks Idee der Menschmaschine um und transformiert selbst zum Maschinenmenschen. "Wir ahmen aber nichts nach", stellt Breuer klar. "Techno war nur ein Hilfsmittel, um zu etwas Neuem zu gelangen."
Dieses Neue, von dem Breuer spricht, geht weit über den Novelty-Effekt der Livepräsenz des Trios hinaus. Die Arbeitsweise, die Elektro Guzzi seit 2004 verfolgen, hat im Sound ihre Spuren hinterlassen. Oberflächlich ist das Debütalbum "Elektro Guzzi" einfach ein gutes Minimal-House-Album, mit straighten Beats und dicken Bässen. Beim zweiten Hören allerdings offenbart es Tiefen, die die Welt des Clubs hinter sich lassen. Referenzen an Krautrock, Improv-Jazz, afrikanische Rhythmik und klassischen Techno à la Jeff Mills oder Basic Channel liegen da zwischen den Beats, aber auch Störgeräusche, verfremdete Gitarrensounds und Breuers wirbelnde Shaker und Hi-Hats. Das britische Musikmagazin Wire jubelt ("I applaud its sheer cyborg bravura."), die wichtigsten Clubs Europas – vom Londoner Fabric bis zum Berliner Berghain – sowie das Elektronikfestival Sónar in Barcelona machen den Wienern den Hof.
In Barcelona teilen sich Elek­tro Guzzi im Juni die Bühne mit Patrick Pulsinger – schließlich hat der Wiener Techno-Impresario das Album von Elektro Guzzi produziert. Die Band wiederum stand im Gegenzug für Pulsingers neue Platte in der Aufnahmekammer.

Eine Soloplatte, für die sich Pulsinger
viel Zeit gelassen hat – ganze acht Jahre liegt "Easy to Assemble. Hard to Take Apart. The Album" zurück. "Ich hab in den letzten Jahren hauptsächlich für andere Acts am Mischpult gesessen. Und da bist du mit dem Kopf halt dauernd woanders, kannst dich nicht auf deine eigenen Sachen konzentrieren", sagt er.
Drei Jahre lang hat er Skizzen aufgenommen, zwischendurch, in Aufnahmepausen. Und hätte ihn Franz Hautzinger nicht irgendwann einmal angerufen, das Album wäre wohl noch immer nicht fertig. "Eigentlich war ich gerade total beschäftigt, als Franz gesagt hat, er würde kurz vorbeikommen, um was aufzunehmen. Er hat sich einfach mit seiner Trompete bei mir im Studio aufgebaut und zu einer meiner Skizzen dazugedudelt. Nach einer Woche hab ich's mir dann angehört und dachte mir: Gut, warum eigentlich keine Trompete auf dem Album?"

Aus der Session wurde "Grey Gardens", das elegisch verhallte Eröffnungsstück des Albums. Und so kam der Ansporn, die Platte zu vollenden. Mit vielen Gastmusikern wie Fennesz, Teresa Rotschopf oder G Rizo, mit vielen Facetten von Techno, Instrumental-Hip-Hop, kühlem Electro und Ambient. "Den roten Faden bildet die Tatsache, dass sehr viele Instrumente von Hand eingespielt wurden. Mir hat das bei alten Discoplatten immer gut gefallen, wenn Schlagzeug und Synthesizer gelegentlich etwas auseinanderlaufen. Ich wollte etwas machen, was anders klingt als das meiste andere im Technobereich."
Den Titel "Impassive Skies" fand Pulsinger in einem Buch mit Geistergeschichten aus den Südstaaten der USA. Es war eine Bildunterschrift: "Oak Tree Against An Impassive Sky". Für Pulsinger Liebe auf den ersten Blick: "Ich dachte: Wie geil klingt das denn! Beim Googeln fand ich dann heraus, dass es sich bei ‚Impassive Sky' um ein alternatives, nichtreligiöses Schöpfungsmodell handelt, laut dem jede Art von Leben, Musik oder Atomen theoretisch in seinen Bausteinen schon immer vorhanden ist. Jede Form wäre möglich, nur muss sie zusammengesetzt werden. Und das hat mich total an den Werdegang meiner Platte erinnert. Alles war schon da, nur war noch völlig unklar, was im Endeffekt dabei rauskommt."


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