Weiß auf Schwarz: Afrika in Wien

"Parade" von Otto Lechner, Siga & Sekembuke

Carsten Fastner
FALTER 22/2010

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Ein kapitales Missverständnis begeistert derzeit die Popwelt – mit kreativen Folgen: Avantgardisten wie Björk, Thom Yorke oder Damon Albarn finden neue Inspiration im abenteuerlich archaischen Dauerfeuer der Likembe-Orchester von Kinshasa.
Die tranceartigen Rhythmusorgien der Straßenmusiker im kongolesischen Moloch sind freilich kein Ethno-Urahn des Techno, sondern die urbane Variante traditioneller Trauer- und Feiermusik; ihr sonorer Reiz für weiße Ohren ist nicht zuletzt den aus Zivilisationsmüll gebastelten ­Daumenklavieren geschuldet – und den unkontrollierbar verzerrenden Uraltverstärkern Marke Lance Voix.
Die bekannteste Likembe-Truppe ist Konono N° 1 um den 76-jährigen Papa Mingiedi. Für "Assume Crash Position" (Crammed/Lotus), ihr zweites Studioalbum, hat der Produzent Vincent Kenis ihre endlosen Hochenergiemäander auf westliches Format gestutzt, dezent um E-Gitarre und E-Bass erweitert und den Schrottplatz-Sound mit Studiotechnik simuliert.
Was passiert, wenn Weiß auf Schwarz trifft, diese Frage stellt sich auch das Festival Began in Africa. Freilich geht's dabei weniger um Anregungen für Popavantgardisten als um die schwarzen Wurzeln des Jazz. Die NGO "Kulturen in Bewegung/vidc" bringt im Porgy & Bess Musiker aus Nord und Süd zusammen. Vorneweg den einschlägig erfahrenen Wiener Akkordeonisten Otto Lechner, der mit seinen Windhunden auf Siga & Sekembuke, ein Zumarihorn-Duo aus Sansibar, trifft. Wie mitreißend das klingt, war 2009 bei der "Parade" der Kulturhauptstadt Linz zu erleben – und nun gibt's die Dokumentation auf CD und DVD (Extraplatte).
Auch die beiden Wahlwiener Sigi Finkel und Mamadou Diabaté sind Routiniers der Zusammenarbeit. Der
bayerische Saxofonist und der Balafon­virtuose aus Burkina Faso verwischen seit Jahren die Grenzen zwischen Jazz und World. Dass dabei auch auf ihrem neuen Album "Yala – The Journey" (ORF) die Musiktradition der west­afrikanischen Sambla dominant bleibt, ist kein Fehler.


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