Der uncoolste Hut der Jazzgeschichte

"Live in Rome & Copenhagen 1969" von Miles Davis

Klaus Nüchtern
FALTER 26/2010

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Wer das Bootleg aus dem Wiener Konzerthaus ("What I Say", featuring Keith Jarrett) nicht hat, aber ein Wien-Konzert mit Miles Davis haben will, der wird jetzt mit dem exakt zwei Jahre später eingespielten "Live in Vienna 1973" bedient, sollte dann aber gleich 30 Pence mehr auslegen, um sich die DVD "Stadthalle, Vienna 1973" zu besorgen: Der Sound ist genauso unterirdisch, dafür kann man Miles im blauen Anzug mit weißem Schal, Dave Liebman mit rotem Kopftuch und Al Foster mit einem Fleckerlteppich als Hemd sowie etwas auf dem Kopf sehen, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um den uncoolsten Hut der Jazzgeschichte handelt.
Annehm- bis zumutbar ist die Klangqualität der beiden anderen, ebenfalls auf Gambit erschienenen und jazzhistorisch interessanteren Livemitschnitte: Sie sind wenige Monate nach der Einspielung von "Bitches Brew" entstanden und die einzigen Tondokumente, auf denen Miles und Wayne Shorter gemeinsam mit Chick Corea, Dave Holland und Jack DeJohnette zu hören sind. Stücke wie "Bitches Brew" klingen in der reduzierten Besetzung viel roher und sind eine wesentlich unstrukturiertere Abfolge von Solis, älteres Material ("I Fall in Love Too Easily") taucht auf "Live in Rome & Copenhagen 1969" (2 CDs) als halb nostaglisches, halb gespenstisches Fragment wiederholt auf. Hochenergetische Eigenständigkeit gewinnt hingegen das aus der Prä-Shorter-Ära stammende "'Round Midnight" unter den generell herausragenden Mitschnitten vom Montreux Jazz Festival, die "Live in Berlin 1969" als genuine Bonustracks beigegeben wurden.
Wo in den durchgängigen Sets die Indices der Takes gesetzt werden, hat etwas leicht Willkürliches, denn man weiß oft nicht so genau, in welchem Stück man sich befindet. Und das Solo, das Shorter in Berlin zu "Bitches Brew" spielt, ist ein Echo der berühmten Bassline aus "It's About Time", die gleich danach, als das Stück dann tatsächlich gespielt wird, freilich nicht zu hören ist. So viel Mut zum Fragment und zum Free Jazz wie hier hat Miles nie wieder gezeigt.


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