Liebestolle Nachtfahrt auf der Autobahn: die romantische Seite von Kraftwerk

"Off The Record" von wingenfelder:Wingenfelder

Sebastian Fasthuber
FALTER 11/2013

Off The Record
wingenfelder:Wingenfelder
TAG-7 - 2012
19,30

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Auch Kraftwerk sind Menschen aus Fleisch und Blut. Das ist ja der Witz: Je mehr sich Ralf Hütter und der Rest der Düsseldorfer Elektronikgruppe in die Rolle der Menschmaschine und Roboterband hineinsteigerten, die nur im Studio existiert und angeblich über kein Privatleben verfügt, umso interessanter wurden die Individuen, die hinter diesem Gesamtkunstwerk stehen.
Der bei den Fans über die Jahre beliebteste Kraftwerker ist Karl Bartos, der die Band vor 20 Jahren verlassen hat, weil er hinter Hütter und Florian Schneider nur der dritte Mann im Bunde war. In Interviews erzählt Bartos seitdem, dass er kapitulierte, weil irgendwann kreativ nichts mehr weiterging.
Wie wichtig er für die Gruppe in ihrer besten Zeit von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er war, zeigt, dass er auf Alben wie "Computerwelt" (1981) zahlreiche Songwriting- und Textcredits hat. Auf "Electric Café" (1986) durfte er mit "Der Telefonanruf" sogar ein Lied singen. Trotz der Bezüge zu Technik und Kommunikation ist es ein ­untypisches Kraftwerk-Stück: ein Liebeslied, in dem ein Mann nicht zu seiner Angebeteten durchdringt, weil keine Telefonverbindung zustande kommt.

Auf seinem neuen Soloalbum "Off the Record" findet sich mit "Nachtfahrt" schon wieder ein Liebeslied: Bartos fährt "die ganze Nacht" (auf der Autobahn, darf man vermuten), "damit ich bei dir bin". Nicht nur thematisch finden sich zahlreiche Bezüge zu seiner ehemaligen Band, sondern auch im Sound: Einige der neuen Stücke basieren auf Demos, die einst noch für Kraftwerk entstanden sind.
Hört man "Off the Record", so wird augenfällig, dass die Gruppe mit Bartos etwas von ihrer Leichtigkeit verloren hat. Ralf Hütter, der derzeit mit seiner atemberaubenden 3-D-Show die Welt bereist, hat die besseren Toningenieure und den nahezu perfekten Sound; Karl Bartos schüttelt dafür locker ein paar klassische Kraftwerk-Melodien aus dem Ärmel, wie man sie auf dem letzten Bandalbum "Tour de France Soundtracks" kaum fand.
Der Romantiker Bartos scheint der zufriedenste Kraftwerker zu sein – der, mit dem man am liebsten auf ein Bier gehen würde.


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