Seltsame Paare

"The Brave And The Bold" von Tortoise/Bonnie "Prince" Billy

Gerhard Stöger
FALTER 5/2005

The Brave And The Bold
Tortoise/Bonnie "Prince" Billy
Domino - 2008
0,00

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Letztes Jahr ist eine neue Björk-Platte erschienen, und kaum jemand hat es mitbekommen. "Drawing Restraint 9" war ja auch "nur" ein Soundtrack - unhörbar für die breite Masse und selbst für Fans eine Herausforderung. Damit blieb auch die Kooperation von Björk und der Alternative-Country-Ikone Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy weitgehend unbemerkt. Wirklich schlimm ist das nicht, zeichnete sich das potenzielle Dreamteam des Jahres doch durch eine bei dieser Konstellation überraschende Eigenschaft aus: gepflegte Unauffälligkeit.

Ganz anders verhält es sich mit der Coverversionensammlung "The Brave and the Bold", für die sich der arbeitswütige Will Oldham die Postrockband Tortoise aus Chicago als Partner angelacht hat. Das lässt - in der Papierform - eine etwas gar bemüht unkonventionelle Kombination befürchten, klappt in der Praxis aber ganz ausgezeichnet. Die Kunsthandwerker Tortoise verlassen endlich die Pfade der reinen Schönklangzerlegungen, während Will Oldham beweist, dass er keinesfalls nur die Rolle des schwermütigen Kauzes draufhat und gewiss nicht für jeden Lacher einen Keller aufsuchen muss.

Dekonstruiert wird trotzdem nicht zu knapp. So ist Elton Johns rührende Ballade "Daniel" in der Interpretation dieser seltsamen Paarung plötzlich nur mehr einen Steinwurf von "It's Expected I'm Gone" der US-Punks Minutemen entfernt; Bruce Springsteens "Thunder Road" bleibt bestenfalls am Text erkennbar. Und auch der Rest der mit zehn Stücken angenehm kompakt gehaltenen Platte belegt, dass die Herangehensweise dem Remixprinzip der elektronischen Musik deutlich näher steht als der handwerklich versierten Rockbandinterpretation: "(Some Say) I Got Devil" vom Sixties-Blumenkind Melanie verwandelt sich in ein düsteres Drama, während "That's Pep" von den New-Wave-Spaßvögeln Devo klingt, als hätte eine Meute betrunkener Cowboys den Reiz elektronischer Musikinstrumente entdeckt.Auch Isobel Campbell hat Erfahrungen mit Coverversionen. Mit ihrer Aufnahme von Nancy Sinatras "Bang Bang" hat das Exmitglied der schottischen Indiepopwunderwuzzis Belle & Sebastian vor zwei Jahren aber nicht eben das beste Händchen bewiesen: Campbells originalgetreue Version konnte der Vorlage nichts hinzufügen, obendrein wurde diese damals gerade allerorten als Teil des "Kill Bill"-Soundtracks goutiert.

Der wunderbaren Welt von Nancy und Lee (Hazlewood) bleibt Campbell auf ihrer neuen Platte "Ballad of the Broken Seas" treu, die Karten sind aber anders gemischt als bei den großen Vorbildern. In Nancy Sinatras Rolle als dominante Stimme schlüpft der unter anderem als Kopf der Prä-Grunge-Band Screaming Trees und Teilzeitsänger der Queens Of The Stone Age bekannte Mark Lanegan, während Campbell als Hauptsongwriterin, Produzentin und Multiinstrumentalistin im Hintergrund die Fäden zieht, um ihr sanftes Stimmchen schließlich auch noch als hübschen Kontrast zu Lanegans Gebrummel durch den Raum schweben zu lassen.

Zwischen den Eckpfeilern Countryfolk, düster gefärbter Sixtiespop und schwermütiger Herzenskram entwirft das ungleiche Gespann vielleicht nicht rasend originelle, aber schlicht wunderschöne Songs. Und auch mit der Coverversion liegt Campbell diesmal goldrichtig - einer würdevollen Aufnahme von Hank Williams' "Ramblin' Man".


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