„Ah, ich bin nicht unsterblich!“

"From Vienna with Love" von Conchita & Wiener Symphoniker Wurst

Gerhard Stöger
FALTER 49/2018

From Vienna with Love
Conchita & Wiener Symphoniker Wurst
RCA DEUTSCHLAND 2018
€ 21,40

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Song-Contest-Star Conchita lädt zur 30er-Party ins Museumsquartier. Ein Geburtstagsgespräch

Tom Neuwirth trägt Schwarz, vom Stirnband über die auffällige Brille bis zu den Doc Martens. Lediglich den markanten Vollbart und das hübsche Gesicht hat der Sänger, Performer und Moderator beim Treffen im Büro der Plattenfirma noch mit jenem aufgedonnerten Bild seiner Kunstfigur Conchita gemein, das 2014 um die Welt ging, nachdem die schwule bärtige Dragqueen in Frauenkleidern mit „Rise Like a Phoenix“ den Eurovision Song Contest gewonnen hatte.

Nicht nur der Nachname Wurst kam über die Jahre abhanden, auch das Spiel mit der Weiblichkeit ist passé. Conchita tritt männlich in Erscheinung, die Zeit der großen Diven-Songs soll ebenfalls schon bald vorbei sein. Zum Abschluss dieser Phase schöpft Conchita auf dem Orchesteralbum „From Vienna with Love“ mit Coverversionen von Shirley Bassey bis Barbara Streisand noch einmal aus dem Vollen, die Präsentation im ausverkauften Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern erntete kürzlich Jubelstürme.

Am 8. Dezember folgt im Museumsquartier das offizielle Geburtstagskonzert zu Neuwirths 30er, der bereits einige Wochen zurückliegt. „Glitter“ lautet der Dresscode, Glitzerschuhe alleine genügen dem Sänger nicht. „Wenn sich mein Papa einen Glitzeranzug checken kann, dann könnt ihr das auch alle“, sagt er. „Ich will, dass wir alle glitzern wie die Sterne, wenn Fotos gemacht werden.“

Falter: Demnächst feiern Sie mit einem Konzert öffentlich Ihren 30er. Die private Party hat bereits stattgefunden. Laut dem Tweet eines wegen nächtlicher Ruhestörung gerufenen Wiener Polizisten war sie ziemlich lustig!

Conchita: Es war die Party des Jahrtausends, ich hatte so eine Gaudi! Ich liebe es, mit meinen Freunden zu feiern. Die haben einfach alle einen Poscher – und ich auch. Dass die Polizei da war, habe ich gar nicht mitbekommen, so lustig war es.

Kommt das bei Ihren Partys öfter vor?

Conchita: Ich muss gestehen, dass es mir heuer schon zum zweiten Mal passiert ist. Ich nehme jede Möglichkeit eines Festes wahr, also feiere ich natürlich auch den Song Contest. Da kam ebenfalls die Polizei, und beim dritten Mal hieß es: „Wir wissen eh, das ist ein spezieller Tag für Sie, aber beim nächsten Mal müssten wir die Party leider auflösen.“

War es ein schlimmer Moment für Sie, 30 zu werden?

Conchita: Nein, ich feiere den Geburtstag ja auch einen ganzen Monat lang. Es gibt ein globales Empfinden, dass der 30er mit vielen Menschen etwas tut. Tatsächlich habe ich jetzt zum ersten Mal authentisch verstanden: Ah, ich bin nicht unsterblich! Das mit dem Älterwerden ist kein Schmäh, es passiert echt!

Der 30er gilt als letzte Schwelle zum Erwachsensein. Sie haben davor schon enorm viel erlebt, hat das bei Ihnen also früher stattgefunden?

Conchita: Mir ist sehr viel sehr schnell und sehr intensiv passiert, dadurch habe ich unglaublich viel über mich gelernt. Ich fühle mich definitiv wacher, als ich es beim Song Contest war. Ich habe in den vergangenen eineinhalb Jahren viel reflektiert und verstanden, dass manche meiner Charaktereigenschaften nicht so super sind.

Das klingt erwachsen.

Conchita: Ich liebe Drama und kann aus einer Mücke gut einen Elefanten machen, aber jetzt betrachte ich die Dinge auch einmal ohne Hysterie und lasse das Drama weg. Früher hätte mein Ego das nicht zugelassen, heute denke ich mir: „Ah, okay, entschuldige, vollkommener Schwachsinn, I’m sorry.“

Ihr neues Album „From Vienna with Love“ enthält großteils Coverversionen, trotzdem meinten Sie bei der Präsentation im Konzerthaus, dass es persönlicher sei als „Conchita“, der Vorgänger mit eigenen Liedern. Warum das?

Conchita: Das Debüt ist ein super produziertes Popalbum mit super geschriebenen Songs, und viele dieser Songs wären auch Hits geworden, hätte nicht ich sie gesungen. Rückblickend ist mir klar, dass ich damals andere Prioritäten hatte. Nämlich viel unterwegs zu sein, mich von Karl Lagerfeld fotografieren zu lassen, nach Paris auf die Haute-Couture-Show zu fliegen und hin und her und trallala. Das Album habe ich zwischendurch eingesungen, und mir fehlt einfach die emotionale Bindung zu vielen dieser Lieder. Die Songs auf dem neuen Album hingegen sind so etwas wie der Soundtrack meines Lebens, mit jedem einzelnen verbinde ich Geschichten und Emotionen. Die Liste war natürlich noch länger, aber ich habe zum Beispiel verstanden: Okay, Björk kann echt nur Björk singen.

Hildegard Knef hingegen bekommt auch Conchita hin?

Conchita: „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ liebe ich, weil dieses Lied für mich geschrieben wurde. „Mit 16 sagte ich still: ich will“ lautet die erste Zeile, und ja, mit 16 bin ich zu „Starmania“ gegangen, da habe ich entschieden: Jetzt werde ich ein Star. Die Nummer war echt hart zu knacken, mit möglichst perfekter Intonation ist ihr nicht beizukommen. Ständig habe ich da im Studio zu hören bekommen: „Tom, ich glaub’s dir noch nicht!“ Irgendwann dachte ich mir: Wurscht, ich singe es einfach irgendwie – um dann zu merken: Ah, genau darum geht’s! Es zu erzählen und auch zu meinen.

Wie passt Hildegard Knef in ihrer schnoddrigen Coolness zum nicht eben unkitschigen Rest der Platte?

Conchita: Es passt, weil ich es geil finde. Mit meiner Großmutter habe ich eine liebevolle Fehde am Laufen. Sie versucht, möglichst zu jedem Konzert zu kommen, und sagt immer: „Mei, Thomas, du singst so schön – aber ich verstehe dich nicht.“ Daher habe ich für sie ein deutsches Lied eingebaut: „Morgens bin ich immer müde“ von Trude Herr, denn meine Großmutter hasst faule Menschen. Sie ist Team „Wenn du feiern kannst, kannst du auch arbeiten“, ich bin Team „Wenn ich feiere, hätte ich gerne morgen frei“. Beim Orchesteralbum wollte ich auch einen Moment für sie haben.

Was wird die Zukunft bringen? Mehr Deutschsprachiges für die Großmutter?

Conchita: Ich habe die letzten zwei Jahre in diversen internationalen Songwriting-Camps zwischen Berlin und Stockholm herumprobiert, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass ich kein wahnsinnig talentierter Songwriter bin. Die großen Gesten und die plakativen Phrasen kann ich gut, intelligente, spannende Twists hingegen nicht. Letztlich bin ich daheim in Österreich bei der Sängerin und Songwriterin Eva Klampfer alias Lylit und dem Produzenten Albin Janoska gelandet. Wir arbeiten seit ungefähr einem Jahr an Songs, dadurch hat sich eine neue Welt für mich aufgetan.

Die beiden stehen für souligen elektronischen Pop. Soll das in Zukunft auch für Conchita gelten?

Conchita: Es wird durchaus ein bisschen avantgardistischer. Aber auch mein privater Geschmack umfasst ja viel mehr als nur Céline Dion und Shirley Bassey. Ich wollte weg von den großen, kommerziellen Popmelodien und etwas anderes ausprobieren. Es geht nun nicht mehr um hoch, laut und lang, sondern um Technik, Farben, Texturen und Timing. Ich lerne unglaublich viel und liebe es, mit ihnen im Studio zu sein.

Werden Ihre Fans die stilistische Veränderung mitmachen?

Conchita: Natürlich muss ich drüber nachdenken, ob ich meine Rechnungen zahlen kann, wenn es niemanden interessiert. Aber gut, dann wäre es eben so und ich werde im Fall des Falles auch abseits der Musik einen Job finden, der mir Spaß macht. Ich bin da ein bisschen furchtlos, denn ich habe verstanden, dass ich krank werde, wenn ich Dinge für andere mache. Da gehe ich lieber mit wehenden Fahnen unter und spüre es voll, anstatt mir nachher zu denken: Ach Gott, warum hörst du nicht auf dich?

Die strahlende Diva ist also nur die halbe Wahrheit der wunderbaren Conchita-Geschichte?

Conchita: Es ist etwas total Absurdes passiert. Ich habe mich dazu entschlossen, eine bärtige Dragqueen zu sein und war dann nach dem Song-Contest-Sieg in dieser Rolle, wo jeder meint: Oida, der denkt sich nichts und tut, was er will! Tatsächlich wurde ich aber zu einer Präsidentengattin, die bloß keine Fehler begehen und es jedem recht machen wollte. Die Meinung anderer war mir wichtiger als meine eigene. Irgendwann ist es mir einfach nicht mehr gut gegangen, weil ich so eine gefilterte Version von mir selbst war. Wenn du Perfektion anstrebst, findest du nur Fehler an dir, und das macht dich wahnsinnig.

Wie findet man da wieder heraus?

Conchita: Mein Bruder hat gesagt: „Hör auf zu jammern! Du hast doch alle Antworten in deinen Sätzen schon formuliert, warum bist du zu feig, sie umzusetzen?“ Ich war zuerst einmal schockiert: „Ich jammere? Oh Gott!“ Aber gnadenlose Ehrlichkeit mit sich selbst ist unglaublich reinigend. Und zu verstehen: Okay, du bist, wie du bist, und wenn die Leute das nicht super finden, ist es eben so.

Wie haben Sie die Geburt von Conchita Wurst anno 2011 in Erinnerung?

Conchita: Ich habe das Angebot bekommen, jeden Samstag in der Arena Bar im fünften Bezirk eine Burlesque-Revue zu moderieren.

Eine Veranstaltung im kleinen Rahmen also.

Conchita: Ganz klein, ja. Ich habe gleich gesagt, dass ich es in Drag mache, weil mir das taugt und ich nicht oft die Gelegenheit dazu habe. Nur wurde mir dann klar, dass ich mich dafür rasieren müsste – aber ich schaue rasiert furchtbar aus. Darum blieb der Bart einfach stehen. An meinem Namen sind Freunde schuld, die eine kubanische Bar im ersten Bezirk betreiben. Ich habe gefragt, wie eine Latina heißt, mit der alle ausgehen wollen, die Antwort war: „Conchita“. Auf der Suche nach einem Nachnamen kam ich irgendwie auf Wurst. „Nein, geht nicht, zu bescheuert“, dachte ich. „Aber auf der anderen Seite – why not?“

Beim österreichischen Musikpreis Amadeus wurden Sie 2015 und 2016 zur „Sängerin des Jahres“ gekürt. Frauen sind beim Amadeus tendenziell ohnedies unterrepräsentiert. Wie ging es Ihnen damit, als Mann den einzigen Preis zu erhalten, der fix einer Frau zusteht?

Conchita: Da habe ich viel darüber nachgedacht. Einerseits hat es mich gefreut, dass meine Kunstfigur so sehr respektiert wird, dass ich sogar als Sängerin des Jahres ausgezeichnet werde. Auf der anderen Seite habe ich mir gedacht: Als Mann gewinne ich den Preis einer Frau, zumal in einem Jahr, wo auffällig wenige Künstlerinnen nominiert sind – phew. Die Problematik ist mir also absolut bewusst, aber: Nicht ich habe mir den Preis gegeben.

Männer, die als Frauen auftreten, sind popkulturell akzeptiert, umgekehrt sieht es anders aus. Eine Frau im Anzug mit umgeschnalltem Ausgehpenis würde wohl kaum „Sänger des Jahres“ werden.

Conchita: Ja, voll. Ich war auch schon in Situationen, wo ich mit Frauen gearbeitet habe und wir tendenziell dasselbe gemacht haben. Nur wurde ich dafür gelobt, während sie sich Gegenteiliges anhören mussten. Da wird klar: Okay, am Ende des Tages bin ich immer noch ein weißer Mann. Es ist total arg, das so zu erleben. Die Ungleichbehandlung ist eine Tatsache, aber ich verstehe sie nicht. Warum kriegen Frauen beispielsweise weniger Lohn als Männer? Wer legitimiert das? Und wie?

Aus der „Sängerin“ Conchita wurde inzwischen ein Sänger. Wann hört Conchita auf, Conchita zu sein?

Conchita: Ich entscheide, wer Conchita ist. Absurderweise muss ich mich manchmal sogar für Veränderungen rechtfertigen. Ich verstehe schon, dass man Conchita im goldenen Kleid gut verkaufen kann. Aber es sind meine Worte und meine Stimme, und ich singe mit und ohne Pepi genau gleich. Schlecht (lacht). Wie flexibel Conchita ist? Ich habe keine Ahnung.

Sie werden es einfach weiter ausprobieren?

Conchita: Genau.

Was wird Ihr Geburtstagskonzert im Museumsquartier bringen?

Conchita: Das weiß ich selbst nicht genau, denn ich habe Überraschungen gefordert. Es wird musikalische Gäste geben und Raum für Spontaneität. Ein paar konkrete Wünsche habe ich schon geäußert, von Ankathie Koi etwa möchte ich unbedingt ihren Song „Hurricane“ hören.

Sie sind Fan der Glampop-Sängerin mit dem Eighties-Faible?

Conchita: Sie singt so geil, ich liebe ihre Stimme! In vielen ihrer Songs merkt man es gar nicht, weil es so easy wirkt, aber was die aufführt ist der absolute Wahnsinn. Und wenn du sie dann einmal nicht Popsongs, sondern Jazzstandards singen hörst, denkst du nur: Bist du deppert! Diese Frau ist grenzgenial. Wir sind auch eine explosive Mischung. Wenn wir feiern gehen, dauert das Tage.


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